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Heinz Riepshoff

Speicher und Backhäuser
in der Grafschaft Hoya

In der bisherigen Literatur über ländliche Baukunst in Norddeutschland dominierte bisher die Beschäftigung mit dem Hauptgebäude, dem Niederdeutschen Hallenhaus. Von einigen vorbildlichen Werken abgesehen, wurde dagegen viel zu wenig Aufmerksamkeit den Nebengebäuden gewidmet, die das Ganze erst zu einem kompletten Hof ergänzen. Das hier vorliegende Werk geht sogar noch einen Schritt weiter, indem aus der Palette der Nebengebäude nur Backhäuser und Speicher aus einer ganz engen Region einer dafür um so eingehenderen Untersuchung unterzogen werden. Das Werk tritt damit in die Nachfolge der bekannten Monogra- fie über die Schafställe der Nordheide von Dörfler, Klages und Turner. Ebenso wie bei letztgenannten wird man auch bei Heinz Riepshoff als Motiv für diese Beschränkung nicht Desinteresse an den übrigen Gebäudetypen unterstellen dürfen. Die Fülle an interessanten Details, die das Buch beschert, belegt indes, daß eine solche monografisch spezielle Behandlung ihren Sinn und Reiz haben kann.

Heinz Riepshoff ist als engagierter Hausforscher, der er aus der Arbeit in der IGB heraus geworden ist, im norddeutschen Raum kein Unbekannter. Was er hier vorlegt, hebt sich trotz der systematischen Gliederung in einen literarischen Teil und einen ausführlichen Katalog von ca. 120 Gebäuden von üblichen, eher wissenschaftlich trocken formulierten Veröffentlichungen deutlich ab: Hier legt ein Praktiker einen frisch formulierten Erfahrungsbericht vor, der das persönliche Engagement für die historische Bausubstanz nicht verdeckt. Seine mit der Entstehung des Werkes gewachsenen Erfahrungen zeigen sich auch deutlich im sich wandelnden Stil seiner – immer präzisen! – Aufmaße unterschiedlichen Alters, die er in diesem Buch verarbeitet hat.

Der Autor beweist in seinem Werk eindrucksvoll, daß Backhäuser in dieser Region erst auf Grund obrigkeitlicher Verfügungen im 18. und 19. Jahrhundert in größerer Zahl eingerichtet wurden und einen Backofen im Hallenhaus als Vorgänger hatten. Dabei wurden häufig vorhandene Speicher zu solchen Backhäusern umgerüstet. Damit erbringt Riepshoff eindrucksvoll am bestehenden rezenten Material den Beweis für die von Ernst Grohne in den dreißiger Jahren auf Grund von Ausgrabungsbefunden aufgestellte These des ursprünglichen Backofens im Hallenhaus der Region. Dieser Befund lädt dazu ein, das Phänomen auch in Nachbarregionen zu untersuchen und seine Verbreitung festzustel- Flächendeckend über Norddeutschland dürfte sich die Verbreitung des Backofens im Haupthaus wohl nicht erstrecken. Gleichzeitig läßt der Befund aber auch die Entwicklung des Kammerfaches in einigen Regionen in einem andere Licht erscheinen.

Bemerkenswert an diesem Buch ist auch die Fülle von Beobachtungen zu Wohnnutzungen in Speichern und Backhäusern, deren Vielschichtigkeit bei weitem nicht ausdiskutiert wurde. So wird sehr viel neues Material auch zur – ursprünglichen! – Wohnnutzung in den Untergeschossen von Speichern gerade auf Höfen der bäuerlichen Oberschicht vorgelegt, das zur Bearbeitung der Frage einlädt, wer dort eigentlich – offenbar recht komfortabel – gewohnt hat. Jedenfalls dürfte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ganz andere Motivationen handeln als bei der eher aus der Not resultierenden Vermietung von normalen Backhäusern als Wohnhaus.

Manche Fehleinschätzungen sind dem Autor nachzusehen, sollen aber dennoch vermerkt werden. So greift die Gleichsetzung von niederdeutsch „Plate” für den oberen Längsverband eines Fachwerkgerüstes mit „Platte” wegen der häufig sehr breiten und dünnen Rähme der östlichen Teile der Region ethymologisch sicher zu kurz: Diese Bezeichnung zieht sich durch den gesamten westgermanischen Raum einschließlich Englands, die zumeist nur etwa quadratische Rähme kennen, und könnte z.B. eher auf ein spätlateinisches Wort zurückgehen. Auch die Einflüsse der Oberweser – in der Ornamentik sehr wohl über Zweifel erhaben – werden vielleicht zu unre- flektiert auf weitere Phänomene der Fachwerkgerüste ausgedehnt. So berücksichtigen einige Ausführungen zur Frage der Bevorzugung von Geschoß- und Stockwerksbau bei grundsätzlich wohl richtiger Einschätzung der Herkunft der Stichbalkenvorkragung zu wenig, daß diese Konstruktionsweisen schon vor der von Josef Schepers postulierten Ausbreitung von der Oberweser in vielen Bereichen Niederdeutschlands nebeneinander existiert haben, demzufolge die Theorie von der Oberweser als Quelle vieler neuzeitlicher Konstruktionsweisen überholt ist.

Mit einer Fülle von Details auch bautechnischer Art, wie z.B. (nicht selten aus anderen Gebäuden recycelter) Fenster, Türen, Beschläge usw. belegt der Autor, wie jedes für sich unbedeutend scheinende Detail doch integraler Bestandteil der historischen Überlieferung und des durch sie mitbegründeten Denkmalcharakters eines Gebäudes ist. Die Lektüre des Buches ist vor allzu schnellem Auswechseln und Wegwerfen von Details im Zuge von Restaurierungen wärmstens zu empfehlen: Danach denkt man anders darüber. Trotz großen persönlichen Engagements in der Denkmalpflege enthält uns der Autor vor, welche der Gebäude eigentlich eingetragene Baudenkmale sind. Nach der Lektüre des Buches kommt man zu dem Schluß, daß eigentlich jedes Objekt des Kataloges so bedeutsam ist, daß es eines sein müßte. Da diese Gebäude nur einen kleinen Ausschnitt des Bestandes darstellen, wird klar, daß es sich bei der alten Grafschaft Hoya um eine Region mit außergewöhnlich hohem Althausbestand, insbesondere im Bereich der Nebengebäude, handeln muß. Eine Gleichrangigkeit mit dem durch die Untersuchungen von Ottenjan besonders intensiv bearbeiteten, aber vielleicht auch unangemessen hervorgehobenen Artland dürfte durchaus vorliegen.

Das Buch ist durch sehr gute Integration von Abbildungen mit gut akzentuierten Bildtexten in den Text und ein hervorragendes Layout außerordentlich gut lesbar und dürfte eben hierdurch neben wissenschaftlich interessierten Hausforschern auch die Bewohner der Region und die Besitzer solcher Gebäude anzusprechen vermögen. Da das Verständnis der Eigentümer für die Geschichtlichkeit ihrer Gebäude das Fundament jeder Denkmalpflege darstellt, ist dem Buch gerade in dieser Hinsicht besonderer Erfolg zu wünschen.

Dr. Dietrich Maschmeyer, IGB


Heinz Riepshoff: „Speicher und Backhäuser in der Grafschaft Hoya”.
221 Seiten, über 500 Abbildungen. Preis EUR 20,–.

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