Von undatierten Gebäuden, besonders wenn sie aus dem 17. oder gar aus dem 16. Jahrhundert stammen, werden von mir Holzproben gezogen. Damit ist es dann möglich, das Fälldatum der Bäume zu ermitteln. Daraus wiederum können wir das Erbauungsdatum ableiten. Gleiches gilt für wiederverwendete Bauteile, z. B. Deckenbalken von Vorgängerbauten (die nicht selten aus dem 15. Jahrhundert stammen und Rückschlüsse auf die frühesten Hallenhäuser unserer Region zulassen) oder nicht datierten Bauphasen, die Aufschluß über die Baugeschichte geben.
An dieser Stelle gebührt Erhard Pressler vom Dendrolabor der Pressler GmbH besonderer Dank. Ohne seine Auswertungen meiner Dendroproben wären viele Gebäude nicht datiert worden und wir um viele Erkenntnisse ärmer.
Die Dendrochronologie datiert Proben von Bauhölzern, Möbeln, Bilderrahmen, Bildtafeln und archäologischen Holzfunden anhand der Wachstumsringe, die ein Baum jährlich ausbildet. Dabei werden die Jahrringe unter einem Mikroskop vermessen und das Ergebnis mit einer bereits bestehenden Mittelwertkurve (Jahrringkalender) verglichen. Auf dieser Mittelwertkurve wird nun nach einer deckungsgleichen Sequenz gesucht. Bei einer Übereinstimmung (Synchronlage) beider Zeitreihen kann dann das Alter der untersuchten Probe abgeleitet werden. Mit diesen wenigen Worten ist das Prinzip der Dendrochronologie bereits beschrieben.
Zu Beginn einer Vegetationsperiode im Frühjahr legen die Bäume einen neuen Jahrring an. Es bilden sich zunächst große Zellen zur Wasser-und Nährstoffversorgung, die im Laufe des Sommers immer kleiner werden. Am Ende der Vegetationsperiode kommt es dann zum Stillstand des Wachstums. Diese fortschreitende Entwicklung zeichnet sich an einem Jahrring deutlich ab: helles, großporiges Frühholz und dunkles, dichtes Spätholz. Aufgrund der unterschiedlichen Witterungsbedingungen fällt dieser Zuwachs jedoch unterschiedlich stark aus. Bei günstigen Bedingungen entsteht ein breiter Jahrring, bei ungünstigem Witterungsverlauf ein schmaler Jahrring. Dadurch entsteht im Laufe eines Baumlebens ein charakteristisches und für diesen Zeitabschnitt typisches Muster, daß für die Bäume einer Klimaregion identisch ist. Doch auch andere Umwelteinflüsse wirken auf die mehr oder minder starke Ausprägung eines Jahrrings ein. Sie können von globaler als auch individueller, von kurzfristiger oder langfristiger Art sein. Doch in der Regel überwiegen die überregionalen Witterungseinflüsse.
Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt von zwei Eichenproben, an denen die soeben geschilderten unterschiedlichen Ausprägungen der Jahrringe deutlich abzulesen sind. Breiten Jahrringen folgen schmale. Bei beiden Proben, die aus unterschiedlichen Hölzern stammen, ist auch für den Laien eine deutliche Übereinstimmung im Rhythmus festzustellen. So macht diese Gegenüberstellung bereits das Prinzip der Dendrochronologie deutlich.
Für den Bauforscher oder den Auftraggeber einer Altersbestimmung ergeben sich nun einige zusätzliche Fragen. Die Dendrochronologie liefert als Ergebnis zunächst ja nur das Fälljahr des Baumes. Wie aber kann das Baujahr z.B. eines Hauses daraus abgeleitet werden?
In der Regel besteht ein enger Zusammenhang zwischen beiden Daten. Denn zu allen Zeiten wurden die Hölzer saftfrisch verarbeitet. Belege für diese Behauptung sind vielfältiger Art. So kann man den Bearbeitungsspuren schon ansehen, ob trockenes oder frisches Holz verarbeitet wurde. Und die Obrigkeit achtete peinlich darauf, daß Bauhölzer innerhalb eines Jahres verbaut wurden, was vielen erhaltenen schriftlichen Erlassen zu entnehmen ist. Die Zeitspanne zwischen Fälljahr und Baujahr läßt sich somit relativ leicht eingrenzen, in dem man dem dendrochronologisch ermittelten Jahr ein bis zwei hinzurechnet. In 90% der Fälle des historischen Bestandes an Bauwerken dürfte diese Annahme zutreffen. Die Aussage zeigt aber auch, daß es Ausnahmen gibt.
Anhand küstennaher Bauwerke entstehen weitere Fragen, wo allgemein bekannt ist, daß die verbauten Hölzer nicht aus der Region stammen, sondern vielfach aus weit entfernten Regionen durch Flößen herbeigeschafft wurden. Die Laboratorien in Deutschland verfügen in der Regel über Mittelwertkurven der infragekommenden Klimaregion. So konnten wir feststellen, daß z.B. die Stadt Groningen in den Niederlanden sowohl Hölzer aus dem Weserbergland, aus Westfalen und Südskandinavien aber auch aus Rußland bezog. Damit ist die Dendrochronologie nicht nur in der Lage eine Altersbestimmung der Bauhölzer vorzunehmen, sondern auch hinsichtlich ihrer Herkunft Aussagen zu treffen.
Erhard Preßler
www.pressler-gmbh.com
Dendrobohrungen sind Schwerarbeit.
Neue Bohrer-Generationen erleichtern diese Arbeit erheblich.
Querschnitt durch einen Eichenbalken
mit gut erkennbaren Jahresringen.
Dendrobohrer sind Spezialanfertigungen. Sie sind innen hohl.
Unter dem Mikroskop wird die Breite jedes einzelnen Jahresringes gemessen
Abschnitte von zwei Eichenholzproben unterschiedlicher Baumindividuen. Deutlich, auch für den Laien erkennbar, die Ähnlichkeit der Jahrringbreitenfolge.
Die Abfolge der Jahrringbreiten grafisch dargestellt und mit einer Mittelwertkurve in Übereinstimmung gebracht (Synchronlage).
Am Ende steht das Dendroprotokoll mit dem Ergebnis des Fälljahres.