Ludwig Fischer
Erfahrungen mit dem Umsetzen eines Baudenkmals
Als der Rezensent des hier zu besprechenden
Buches auf dem 3.Tag der Niedersächsischen
Denkmalpflege in Celle 1990 einen
Vortrag hielt, in dem es um die Rolle engagierter
Ehrenamtler aus der IGB in der Erfassung, Dokumentation und Erhaltung des
ländlichen Kulturerbes ging, da war für ihn
das Haus, um dessen Rettung es in diesem
Buch geht, eines der prägnantesten Beispiele
für im wahrsten Sinne des Wortes übersehenes
Kulturgut:
Das 1647 errichtete und in
den meisten Strukturen noch sehr gut vollständig
erhaltene Haus war der Denkmalinventarisation
in Niedersachsen durch die
Lappen gegangen, weil es von der Straße her
nicht ohne weiteres als Denkmal zu erkennen
gewesen war. Schlimmer noch: Einem provokativ
gemeinten Abbruchantrag wurde anstandslos
entsprochen.
Daß es - trotz rechtskräftiger Abbruchgenehmigung - doch noch gerettet werden konnte, ist eine mehr als fünfzehnjährige Geschichte unermüdlichen persönlichen Einsatzes, Vermittelns, von Enttäuschungen und unerwarteten Glücksfällen. Am Ende wurde das Haus abgebaut, restauriert und sehr nahe am ursprünglichen Standort, in der ursprünglichen Kälberweide des Hofes, in vorbildlicher Weise wiedererrichtet.
Aber nicht diese Aspekte der facettenreichen Geschichte stehen in diesem durch den Bauherrn selbst initiierten und maßgeblich mitgestalteten Buch im Vordergrund, sondern die Reflexionen der zahlreichen Beteiligten darüber, was sie letztlich hier gemeinsam gemacht und zu Stande gebracht haben, um eines der herausragendsten ländlichen Kulturdenkmale der Region vor dem endgültigen Untergang zu retten. Eine solche ausführliche Betrachtung, die versucht, durch Hinzuziehung aller Beteiligten die vielen Überlegungen transparent und nachvollziehbar zu machen, die letztlich zu der jetzigen Lösung geführt haben, gab es vorher nicht. Angesichts der Tatsache, daß Translozierungen von Fachwerkhäusern als häufig letzte Möglichkeit der Rettung zur Tagesordnung gehören, andererseits aber auch mit stichhaltigen Argumenten auch aus den Reihen der IGB sehr kritisch gesehen werden, war sie allerdings mehr als fällig: Endlich kann man nach einer solchen Aktion nachlesen, welche Gedanken die Akteure bewegt und - das ist ein häufig vernachlässigter Aspekt - dazu geführt haben, daß andere Lösungen letztlich ausschieden.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, Daß es hier gelang, ein im strengsten Sinne des Baugesetzbuches gar nicht privilegiertes Bauvorhaben im Außenbereich durchzusetzen. Diesen Ausweg eröffnete ein städtebaulicher öffentlicher Vertrag, der dem Bauherren zwar einerseits strengste Einhaltung denkmalpflegerischer Vorgaben auferlegte, andererseits aber auch eine Genehmigung nach § 35 Abs.2 BauGB zuließ - "wenn öffentliche Belange dem nicht entgegenstehen". Die weise Handhabung des durchaus nicht üppigen Ermessensspielraumes durch die Genehmigungsbehörde, die hier ebenfalls ausführlich erläutert wird, verdient höchste Anerkennung.
Spannende Details, wie die bisher ebenfalls
einzigartige Translozierung eines Kieselfletts,
möchte ich nicht vorwegnehmen: Auch eine
"gewöhnliche" Restaurierungsmaßnahme
kann fesselnd beschrieben werden. Vielleicht
hätte man sich eine etwas stringentere Ordnung
des Textes, vor allem aber der Bilder,
gewünscht. So ist es bisweilen etwas mühsam,
sich ein Bild vom Vorzustand und vom
Fortgang der Translozierung zu machen.
Auch ein ausführliches Aufmaß des Bestandes
vor der Umsetzung als separater Teil
statt der in den Text eingestreuten Einzelzeichnungen
vermißt man. Aber letztlich ist ja
auch die Geschichte dieses Erfolgsprojektes
nicht besonders geradlinig verlaufen. Viele
Leser werden das Buch wohl erst wieder aus
der Hand legen, wenn sie die letzte Seite erreicht
haben.
D. Maschmeyer
Ludwig Fischer
„Ein Haus zieht um - Erfahrungen
mit dem Umsetzen eines Baudenkmals”.
Mit Beiträgen von Ulrich Klages,
Tassilo Turner, Gernot Fischer, Martina
Spelzhaus/Gerhard Precht.
Herausgeber: Interessengemeinschaft
Bauernhaus e.V., IGB, 28865 Lilienthal.
Format A4, 96 Seiten, 223 Abb. Preis: 15,00 EUR.
Das Buch ist erhältlich bei der Geschäftsstelle
der
IGB, Postfach 1244, 28859 Lilienthal,
Fax 04792-4717