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„mittelalterliches” Wohnen um 1800 in Syke

Ein Koloniehaus

Heinz Riepshoff

Syke erlangte seine Bekanntheit durch die „Syker Kartoffel“ und durch das „Hoyaer Schwein“, das um 1900 von Syke, dem größten Schweineverlade-Bahnhof Europas, in das Ruhrgebiet transportiert wurde. Den älteren Bremern ist Syke als Ausflugsziel in Erinnerung.

Kommt man mit dem Auto von Norden, durchfährt man einen Wald, in dem rechts das heutige Kreismuseum zu finden ist. Das Hauptgebäude dieser Anlage ist ein Geestbauernhaus aus Hackfeld/Harpstedt von 1747 und dient seit seiner Umsetzung 1937 als Prototyp eines Niederdeutschen Bauernhauses. Etwas weiter auf der linken Seite ist noch heute das Gebäude des früheren renommierten Gasthauses „Schützenhaus“ zu sehen, das seit Beginn des 20. Jahrhunderts viele Jahrzehnte, vor allem für Bremer, ein begehrtes Ausflugslokal war. Weitere 300 m befindet sich links die neugotische Kirche und gegenüber Wolters Gasthof, heute ein Chinarestaurant. Davor geht der Mühlendamm rechts ab in Richtung Westen auf die frühere Burg zu und biegt kurz davor wieder ab nach Norden in die Hauptstraße. Hier befindet sich das alte Syke, wie es auf dem Merian Stich aus dem 17. Jahrhundert abgebildet ist. Fahren wir bei der Kirche einige Meter weiter in Richtung Süden und biegen links ab in Richtung Osten, haben wir an der Ecke die Gebäude der früheren Posthalterei und durchfahren dann die frühere Kolonie Syke mit Waldstraße, Wiesenstraße und Siebenhäuser.

Im Holznagel Regional 2002 hat Jörg Hollmann ausführlich über die Entstehung der Kolonie geschrieben und auch über das Koloniehaus in der Waldstraße 29.

Ab 1780 entstehen in der Kolonie die ersten Häuser, bei denen es sich um Erbenzinshäuser handelt. Die Kolonisten sind in der Regel frühere Häuslinge und kommen aus den Nachbardörfern wie Wachendorf und Gödestorf. Neben dem von Jörg Hollmann beschriebenen Haus Waldstraße 29 von 1799 haben wir zwischenzeitlich noch weitere Häuser untersucht. Bis auf eines, das näher beschrieben werden soll, ist bei den anderen der ursprüngliche Zustand nur noch zu erahnen. Immerhin können wir Aussagen über die Größe machen.

Waldstraße 29 gebaut 1799 Größe: 10,60 x 16,20 m

Siebenhäuser 26 gebaut 1783 Größe: 10,00 x 14,45 m

Siebenhäuser 40 gebaut 1788 Größe: 9,35 x 14,40 m

Siebenhäuser 44 gebaut 1789 Größe: 9,70 x 13,20 m (9,70 x 9,35 m)

Bei allen Häusern handelt es sich im Prinzip um Niederdeutsche Hallenhäuser, wie das anfangs erwähnte Museumsgebäude aus Hackfeld von 1747, das nicht nur breiter sondern mit 27 m Länge auch etwa doppelt so lang ist. Und doch weichen die Koloniehäuser in manchen Punkten ab. Das von Jörg Hollmann abgebaute Haus von 1799 hatte seine Herdstelle nicht im Flett, wie es uns im Hackfelder Haus so schön demonstriert wird, sondern in der Mitte des Kammerfaches mit einer nach oben zum Kopfboden offenen Decke, wodurch der Rauch abziehen konnte.

Siebenhäuser 44 (Kolonie Syke No. 26)

Die Entdeckung dieses Hauses ist vielleicht der Tatsache zu verdanken, daß ein Teil des Hauses vor einigen Jahren abgebrochen wurde. Ein Fachwerkteil (das Ursprungshaus) bekam 1892 eine massive Verlängerung in der vorderen Diele, 1910 quer hinter den Kammerfachgiebel ein ebenfalls massives Wohnhaus, wodurch ein für unsere Landschaft typisches Kreuzhaus entstand. Mit dem Abbruch der vorderen Verlängerung wurde das alte Koloniehaus aber erst wieder richtig sichtbar. Aus Teilen des alten Wirtschaftgiebels, der heute eine Art Notverbretterung trägt, lies sich sogar der ursprüngliche Giebel zeichnerisch rekonstruieren. Betritt man die Diele, finden wir im ersten Fach links den alten Torbalken mit der Datierung 1789, der durch Zweitverwendung eine neue Bestimmung erhalten hat. Die Diele selbst besteht aus zwei Dielenfachen und dem zweifachigen Flett. Der linke Flettriegel ist 10 cm höher als der rechte, was wohl die Haupteingangstür der ursprünglich zwei Seitentüren signalisiert, die sich gegenüber gelegen haben. Die drei Deckenbalken der Diele und vom Flett sind aus Weichholz, der Balken über der Herdwand aus Eiche (warum?).

Die Weichholzbalken weisen am rechten Ende Spuren von Floßbohrungen auf und auf den gegenüberliegenden Seiten Eigentümermarken, die wahrscheinlich mit der Flößerei zu tun haben. Der Überstand der Balken über die Ständer beträgt 130 cm.

In der Herdwand befinden sich drei Türen. Nach näherer Untersuchung erweist sich aber nur die linke als ursprünglich . Die gesamte Diele und Flett haben sich bis heute als Lehmdiele erhalten, nur vor der ursprünglichen Tür liegt ein großer flacher Granitstein. An der Stelle der mittleren Tür, heute aus Metall, befand sich ursprünglich ein Ständer. Heute finden wir oberhalb der Tür einen von Ruß geschwärzten Riegel aus Weichholz, der zwei Fache der Herdwand überspannt und nachträglich von vorne in zwei Ständer eingeschoben wurde. Immerhin hierzu können wir bereits jetzt die Vermutung äußern, daß sich die Herdstelle bauzeitlich auf dem Flett befand und nachträglich nach hinten in das Kammerfach verlegt wurde. Damit der Rauch besser abziehen konnte, entstand also nachträglich in der Herdwand dieses ca. 3 x 3 m große Loch. Darüber hinaus hatte man aber auch von der so entstandenen Küche mit Herd einen ungehinderten Blick in die Diele. Für eine solche Konstruktion gibt es mehrere Beispiele im Raum Martfeld und Thedinghausen.

Den nach oben offenen Kopfboden erreichen wir über eine Klappe oberhalb der rechten Tür in der Herdwand. Bezogen auf die verlegte Herdstelle in das Kammerfach wundert es nicht, das alle Hölzer im Kopfboden von Ruß geschwärzt sind. Offensichtlich hatte die Küche, wie in dem Haus aus der Waldstraße, ebenfalls eine nach oben offene Decke. Eine genaue Betrachtung des Eichenbalkens über der Herdwand zeigt insgesamt 7 Öffnungen auf der oberen Kante. Vier flache Zapfenlöcher ohne Holznagelspuren stammen von Ständern eines Drempels, auf dem die nicht mehr vorhandene Decke des Kopfbodens lag. Die drei anderen Öffnungen sind eher als Kuhlen anzusprechen und stammen von Walmsparren. Walmsparren über der Herdwand?

Die Sparrenschwellen auf beiden Längsseiten bestehen jeweils aus zwei Teilen. Die Teile treffen über der Herdwand aufeinander, besser nebeneinander. Die Schwellenteile über dem Kammerfach sehen jünger aus und wurden wohl erst später eingebaut. Die Sparrenpaare über der Diele bis einschließlich Herdwand haben geblattete Hahnenhölzer, die Sparrenpaare über dem Kammerfach zeigen gezapfte Hahnenhölzer. Alle Sparren stehen senkrecht, nur das Paar über der Herdwand ist in Richtung Vordergiebel geneigt.

Alle Spuren weisen darauf hin, die Herdwand war gleichzeitig Außenwand und das Haus hier zu Ende. Ein Blick auf die recht gut erhaltene linke Traufwand beseitigt die letzten Zweifel. Der Ständer in Höhe der Herdwand zeigt ebenfalls das Ende des Hauses an. Die Abbundzeichen beginnen hier mit der 1 und enden am Wirtschaftsgiebel mit der 8. Das Fachwerk im Bereich des Kammerfaches wurde nachträglich angefügt. Nun wird auch klar, warum der Deckenbalken über der Herdwand aus Eiche ist. Da diese Wand gleichzeitig Außenwand war, darüber befand sich der Vollwalm, war er extrem der Witterung ausgesetzt. Was sagt uns das nun alles? Bei über 40 Häusern aus dem 16. Jahrhundert im Bereich der früheren Grafschaft Hoya finden wir Spuren die darauf hinweisen, daß es sich um Bauernhäuser mit einer umlaufenden Kübbung handelte. Dabei reichten die Dächer nicht nur an den seitlichen Traufen, sondern auch an den Giebeln bis auf ca. 170 cm auf die Erde hinunter. Die Zimmer des Kammerfaches befinden sich gewissermaßen unter einer Dachschräge. Wir vermuten, daß die meisten Vorgänger dieser ältesten Häuser über gar kein Kammerfach verfügten. Bei Bauernhäuser nach 1600 waren Kammerfächer gewissermaßen Standard, wie auch bei dem Hackfelder Haus von 1747.

Denken wir uns das Kammerfach an unserem Koloniehaus weg, war es auch nicht 13,20 m lang, sondern nur 9,35 m. Es hatte also einen fast quadratischen Grundriß. Hinter der kleinen Diele befand sich das Flett mit dem offenem Herdfeuer. Die linke Tür in der Herdwand führte wahrscheinlich in eine primitive, provisorische Hinterkübbung. Hier war der einzigste Wohnraum (wahrscheinlich Kammer), der aber nur einen Teil der Gesamtbreite des Hauses eingenommen haben dürfte. Mit Hilfe der Dendrochronologie wissen wir, das 1807 das heute sichtbare Kammerfach entstand und damit die Möglichkeit die Diele zu vergrößern, indem das Herdfeuer vom Flett in die Mitte des neuen Kammerfaches verlegt wurde. Die Wohnverhältnisse des Urhauses müssen wir uns als mittelalterlich einfach oder gar primitiv vorstellen und sind für das Jahr 1789 nur vor dem Hintergrund der Kolonialisierung zu verstehen und dem Wissen, daß Häuslinge im 18. und 19. Jahrhundert in der Regel noch primitiver gewohnt haben.

Hausgeschichtlich gesehen ist dieses Haus eigentlich eine kleine Sensation, denn es zeigt einen Zustand, wie wir ihn für Häuser des frühen 16. Jahrhunderts händeringend suchen.

Erbauungszustand 1789

18 Jahre später wurde das Kammerfach angebaut

Detail des Innengerüstes

Heutiges Erscheinungsbild des ehemaligen Koloniehauses

Das gut erhaltene Innengerüst erzählt uns heute etwas über die Wohnverhältnisse der "Kleinen Leute"

Detail Dielen-Flettständer

Der im Inneren verbaute Giebelbalken mit Spruch und Jahreszahl von 1789



Zeichnungen: H. Riepshoff
Fotos: B. Kunze

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Diese Seite wurde zuletzt am 24.02.2008 22.21 Uhr aktualisiert!