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Bericht zur Tagung im Kreismuseum Syke, im Nov. 2006:



Wilfried Meyer

Tagung zur Geschichte in der Region:

"Kleine Leute“

Die Begeisterung konnte Museumsleiter Dr. Ralf Vogeding nicht verbergen: Rund 60 Frauen und Männer saßen auf der Museumsdiele und wollten etwas über die „kleinen Leute“ hören und sehen. Mit dieser Resonanz hatte er nicht gerechnet und doch gehofft, dass auch das zweite Thema der Regionaltagung ankommen würde. Vor einem Jahr ging es um die „Wege zur Geschichte von Häusern und Menschen“. Diesmal um die ländlichen Unterschichten im 18. - 20. Jahrhundert, die Lebensverhältnisse und soziale Stellung der sogenannten „kleinen Leute“.

Sechs Referenten beleuchteten den Arbeitstitel unter völlig verschiedenen Gesichtspunkten und machten deutlich, wie umfangreich die Quellenlage war. Fünf von ihnen, Wilfried Gerke (Diepholz), Heinrich Meyer (Bensen), Friedrich Kratzsch (Twistringen), Hermann Greve (Weyhe) und Hausherr Dr. Ralf Vogeding sind Historiker, Heimatforscher und Volkskundler. Heinz Riepshoff von der IG Bauernhaus rundete mit seiner Lieblingsbeschäftigung „Hausforschung“ den Bereich ab.

Hermann Greve, Archivpfleger von Syke und Weyhe, hätte mit seinem Part „Zwischen Verzweiflung und Aufbruch. Unterschichten - Lebenswelten in Hoya/Diepholz von 1700-1900“, eigentlich das ganze Programm bestreiten können. Die Fülle der Daten, Fakten und Begebenheiten ließen sich kaum aufnehmen, geschweige denn, mitschreiben. Schnell machte er deutlich: Große Teile der Bevölkerung vor ein- und zwei Jahrhunderten gehörten der „kleinen Leute“ an. Knechte, Mägde, Dienstboten, Häuslinge, Hirten, Handwerksgehilfen, Tagelöhner - um nur einige zu nennen. Um 1800 gehörte jeder dritte im Amt Syke zu den Häuslingen. Auch nach dem Bau und Einweihung der Eisenbahnstrecke 1871-73 blieben viele der Bahnbediensteten kleine Leute. Ohne ihren landwirtschaftlichen Nebenerwerb konnten sie nicht überleben. Häusler wohnten meistens in umgebauten Speichern, Ställen und Scheunen, häufig neben dem Vieh. Reine Häuslingshäuser entstanden erst viel später. Im Amt Syke ernährten viele Männer ihre Familie nur durch Arbeit in der Fremde. Ostfriesland oder Holland boten bei der Moorkultivierung, der Grasmahd oder beim Deichbau Beschäftigung an. Der lange Fußmarsch und die harte Arbeit bei geringem Lohn ließen allerdings die Meisten nach wenigen Jahren aufgeben. Nur wenige hielten durch. Um 1840 nahm die Zahl der Auswanderer ständig zu, weil die Menschen keine Perspektiven in ihrer Heimat sahen. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts bewirkte die Schweinemast einen Aufschwung, der es auch den Häuslingen ermöglichte, ihre ärmlichen Behausungen zu modernisieren.

Heinrich Meyer, früherer Bauer und emsiger Chronist seiner Gemeinde Bensen (Sudwalde), belegte in seinem Referat über die „Geschichte der Häusler und Pächter seit dem 17. Jhdt. in der Gemeinde Sudwalde“ mit konkreten Zahlen, dass die seit 1600 steigende Zahl der Häuslerstellen hauptsächlich der Beseitigung der Wohnungsnot galt. Arbeitsprobleme konnten dadurch nicht beseitigt werden. (1660 waren es 10 Häuslinge, 1817 - 99 und 1826 - 125). Ab 1926 kamen dann die „Pächterstellen“ hinzu, was einen sozialen Aufstieg gegenüber den Häuslern ausmachte. Im Kirch-spiel Sudwalde gehörten die Bewohner jeden dritten Hauses zu dieser Bevölkerungsgruppe. Die Größe der Häuslerstellen betrug drei Hektar, die der Pächterstellen 10 Hektar. Heinrich Meyer verriet, wie sich die Namen der Häuslinge ermitteln ließen. Kirchenbücher, Brandkassenlisten, Gebäudesteuerrollen, Abendmahllisten und Gemeinde-Urlisten dienten dem Heimatforscher als Quellenmaterial. Schließlich rundeten Abbildungen von Häuslerstellen seiner Gemeinde den Vortrag ab. Besonderen Eindruck machte das Foto der umgebauten Scheune des Vollmeierhofes Hattenbach mit „Hüneken-Vadder“, einem der Bewohner.

Fritz Kratzsch, langjähriger Archivpfleger der Stadt Twistringen, befasste sich in seinem Referat mit dem Armenwesen seiner Heimatstadt. Wo lagen dort die Ursachen für die Armut großer Bevölkerungsteile? Häufig waren es Krankheit oder Tod, die den Ernährer einer Familie ausfallen ließ. Oft sorgten auch Missernten und Brände für Not und Armut, die nur durch Hilfe der Gemeinschaft gemildert werden konnte. Von verschiedenen Hilfmaßnahmen berichtete der Chronist: Neben den üblichen Sammlungen, Klingelbeuteleinnahmen oder freiwilligen Spenden, kamen Stiftungen von Mühlenbesitzer, Ziegeleiunternehmern oder eines Pastoren der Armenkasse zugute. Die Kirche verlieh sogar Geld und die Zinsen in Höhe von 5 % flossen ebenfalls in diese Kasse. Auch die Ausgaben wurden belegt und machen deutlich, dass es an elementaren Dingen mangelte: Speisen, Schulgeld und -bücher, Bekleidung, Heizmaterial, Bestattungskosten oder die Heuerpacht. Typisch war auch, dass in diesen schriftlichen Unterlagen meistens keine Namen der Bedürftigen auftauchten. 1750 lebten in Twistringen 2500 Menschen in 500 Haushalten, davon 126 in Häuslerwohnungen. Und das waren eben oft umgebaute Scheunen, Ställe und Backhäuser. 1866 zahlten ein Drittel der 3600 Einwohner keine Steuern, was auf den wirtschaftlichen und sozialen Stand dieser Menschen hinweist.

Der folgende Referent, Heinz Riepshoff, engagierter Hausforscher und aktiver Vertreter der IG Bauernhaus, hatte mit Museumsleiter Dr. Ralf Vogeding die Veranstaltungsreihe in Leben gerufen. Es war für ihn ein Leichtes, auch zum Thema „Kleine Leute“ zahlreiche Beispiele aus seinem umfangreichen Fundus anzubieten. Immer wieder hatte er bei der Bestandsaufnahme alter Gebäude in den vergangenen Jahrzehnten auch die Reste der ärmlichen Häuslingswohnungen gefunden. Inzwischen musste er feststellen, dass gerade diese Art der alten Bausubstanz bis auf wenige Reste verloren gegangen ist. „Man müsste die Häuslinghäuser auf die Rote Liste setzen!“, war seine realistische Aussage. Gleichzeitig forderte er die Anwesenden auf, ihm alle noch existierenden Häuslerwohnungen oder -häuser zu melden. Er will dann versuchen, möglichst viel davon zu dokumentieren und aufzumessen, bevor die baulichen Zeugen dieser Bevölkerungsschicht ganz verloren sind. Bei seiner Recherche über Speicher und Backöfen war er sehr oft auf Umbauspuren gestoßen, die auf Wohnräume in diesen ursprünglichen Wirtschaftsgebäuden deuteten. Damit bestätigten sich die historischen Unterlagen, dass Häuslinge oft in provisorisch umgebauten Nebengebäuden untergebracht wurden. In Backhäusern hatten sie auch gleich die Arbeit beim Anheizen und Backen übernehmen müssen. Außerdem galt der Backofen nicht als „Feuerstelle“, die steuerliche Auswirkungen für den Hofbesitzer gehabt hätte. Die bisherige Bestandsaufnahme und Hausforschung machten es ihm schon jetzt möglich, grundsätzliche Thesen zum Thema aufzustellen: Hausinschriften bei Häuslern gaben nie die Namen der Bewohner wieder, sondern immer die des Hauseigentümers. Die kleinen Heu-erstellen hatten die Hofnummer des Haupthauses mit einem kleinen Buchstaben dahinter. In alten Adressbüchern lässt sich so aus der Durchnummerierung auch die Anzahl der Heuerhäuser feststellen. Der Hauseingang war in den meisten Fällen keine Grootdöör, durch die ein Ackerwagen hätte fahren können. Dafür fand sich über der Tür eine Ladeluke, durch die die Erntevorräte auf den Boden gebracht werden konnten. Pferdeställe waren eine Seltenheit, weil Häusler eben keine eigenen Pferde besaßen. Ein Flett war nie vorhanden. Aus Platzgründen hatte die Feuerstelle ihren Platz im mittleren Kammerfach. Alle Fakten belegte Heinz Riepshoff mit entsprechenden Bildern. Aber auch seine Ansicht, dass die Häuslinge im Grunde räumlich so lebten wie die Bauern, nur beengter. Die tatsächliche Armut machte sich eben bei den wirtschaftlichen Verhältnissen bemerkbar.

Der Diepholzer Heimatforscher Wilfried Gerke rundete mit seinem Vortrag über „Vertriebene in der Nachkriegszeit“ das Seminarthema aus einem anderen Blickwinkel ab. Als Folge des Zweiten Weltkrieges mussten viele Menschen aus den früheren deutschen Ostgebieten ihre Heimat verlassen. Oft nur mit wenigen persönlichen Habseeligkeiten ausgestattet, erreichten sie unsere Region. Zuerst wenige mit eigenem Pferd und Wagen, „die noch wie Exoten bewundert wurden“, wie Zeitzeugen berichteten. Ohne große Probleme brachte man sie bei Bauernfamilien unter. Doch als später massenweise Vertriebene und Flüchtlinge per Eisenbahn ankamen, schlug häufig die Stimmung bei den Einheimischen um. Die Fremden wurden als Belastung empfunden - Wohnraum, Lebensmittel, Kleidung und Arbeit reichten für sie selbst kaum. Schließlich war auch hier Krieg gewesen. In den Nachkriegsjahren stieg der Anteil der Flüchtlinge teilweise auf 30 % der Bevölkerung in unseren Städten und Dörfern. Erst staatliche Siedlungsprogramme, die ab 1950 einsetzten, ließ leichte Entspannung aufkommen. Außerdem auch Umsiedlungsaktionen von der Britischen Besatzungszone in die der Franzosen (Rheinland-Pfalz, Württemberg-Hohenzollern). Ab 1951 stellten die Kirchenverwaltungen günstiges Bauland zur Verfügung und 1952 setzte der Lastenausgleich ein. Doch bis dahin waren lange Jahre der Not, und vor allem des Wohnungsmangels zu überstehen. Der vorhandene Wohnraum wurde amtlich verwaltet und betroffen waren alle. Jedes noch so kleine Zimmer, alle noch stehenden Baracken aus der Kriegszeit und sogar Gasthausräume und -säle mussten zur Unterbringung der Heimatlosen umfunktioniert werden. Sie alle gehörten plötzlich auch zu den Bedürftigen, zu den „Kleinen Leuten“. Obwohl viele von ihnen vorher auch Hofbesitzer, Kaufleute oder Unternehmer gewesen waren. Erschwerend kam hinzu, dass viele von ihnen fremdes Dialekt sprachen, Katholisch waren und oft ihre Unzufriedenheit mit der neuen ungewollten Lebenssituation merken ließen. Erst der zeitliche Abstand, die nachwachsenden Generationen und wirtschaftlicher Aufschwung ließen allmählich Normalität aufkommen.

Hausherr Dr. Ralf Vogeding betonte zum Abschluss des Seminars, dass auch das Kreismuseum zahlreiche Ausstellungsbereiche habe, die das Thema „Kleine Leute“ dokumentieren. Neben den Knechten und Mägden waren auch die unverheirateten Kinder auf den Höfen ihrer Eltern billige Arbeitskräfte. Das Weben, Spinnen, die Flachsverarbeitung und andere handwerkliche Aufgaben wurden von ihnen erledigt. Andere Handwerker, wie zum Beispiel Maurer, zogen im Winter als Hausschlachter übers Land. Ohne Nebenerwerb konnten die meisten der kleinen Leute ihre Familie nicht ernähren. Die große Teilnehmerzahl bei diesem zweiten regionalgeschichtlichen Seminar zeigt das Interesse und wird den Verantwortlichen sicherlich Mut machen, weitere Veranstaltungen dieser Art folgen zu lassen. Wir freuen uns drauf!

Die Referenten der 2. Tagung im Museum: Dr. Ralf Vogeding, Hermann Greve, Heinrich Meyer, Fritz Kratzsch, Heinz Riepshoff, und Wilfried Gerke.
Foto: Wilfried Meyer

Fast bis auf den letzten Platz war die Diele im Kreismuseum besetzt.
Foto: Wilfried Meyer

Eindruckvolles Bilddokument aus der Zeit um 1900: Die heute noch vorhandene Scheune des Vollmeiers Hattenbach, Sudwalde 17. Das Gebäude diente vor über 100 Jahren der Häuslerfamilie Hüneke als Wohnung. Am rechten Bildrand ist auch noch ein angebautes Backhaus zu erkennen. Im Bild „Hüneken-Vadder”, einer der damaligen Bewohner. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es noch für ein Jahrzehnt die Unterkunft einer Flüchtlingsfamilie.
Foto: Archiv Wilfried Meyer

Mit solchen Fuhrwerken erreichten viele der Heimatvertriebenen unsere Dörfer.
Foto: Archiv Wilfried Meyer

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