Bericht über die Tagung am 27. Oktober 2007 im Kreismuseum Syke
Wilfried Meyer
Auch die dritte Veranstaltung der Reihe „Geschichte in der Region“ war ein voller Erfolg. Nach „Quellen für die Regionalforschung“ (2005) und „Kleine Leute“ (2006), folgte nun das Thema „Wandel der Ernährung auf dem Lande“. Die Veranstalter, das Kreismuseum, die IG Bauernhaus und der Kreisheimatbund, hatten dazu sieben kompetente Referenten gewinnen können.
Schon im einleitenden Referat von Museumsleiter Dr. Ralf Vogeding wurde deutlich, dass dieses Thema viele Bereiche der Geschichts- und Hausforschung berührt. Vom offenen Herdfeuer in verqualmten Bauernhäusern bis hin zu den ersten „Kochmaschinen“ und den dann folgenden Gas- oder E-Herden reichte alleine das Thema Kochplatz. Doch bevor Nahrung zubereitet werden konnte, musste sie früher auch in Eigenleistung produziert werden. Gemüsegärten und Obstbäume am Haus und Hof gehörten zum normalen Leben. Noch bis in die 1960er Jahre stammten in ländlichen Gebieten große Teile der Nahrung aus eigenem Anbau. Bei guten Böden reichten die Ernteerträge dann häufig aus, um sie zu vermarkten.
Ein weiteres Thema war die Aufbewahrung und Haltbarmachung der Gartenfrüchte. Kühlschrank oder Gefriertruhen existierten noch längst nicht. Es wurde eingesalzt, geräuchert oder eingekocht. Fließend war der Übergang zu diesem Thema bei der nächsten Referentin.
Edda Möhlenhof-Schumann von der Landwirtschaftskammer Sulingen. Bei der Recherche zu ihrem Spezialbereich „hauswirtschaftliche Beratung“ stieß sie auf über 100 Jahre alte Kochbücher. Mit Erstaunen erkannte sie, dass sich die Kochrezepte in dieser Zeit kaum veränderten. Allerdings wurden nur die besonderen Speisen niedergeschrieben. Die Zubereitung von Standardmahlzeiten gaben Mütter ihren Töchtern einfach so weiter. Und diese wichtigen mündlichen Überlieferungen fehlen in den jetzigen Generationen fast total. Medien haben diese Funktion übernommen. Kochsendungen gehören fast zum täglichen Programm im Fernsehen, Kochbücher werden verschenkt. Und doch handeln nur Wenige nach diesen Vorlagen. Immer mehr Fertiggerichte und Schnellmahlzeiten gehören zum Alltag in vielen Familien, vor allem in Single-Haushalten. Dass diese Kochbücher auch die jeweilige Zeit- und Sozialgeschichte widerspiegeln, ja sogar politischen und modischen Einflüssen unterliegen, hatte sie feststellen müssen. Anfang des 20. Jhdts erfolgte nach und nach die Trennung von Wirtschaftsräumen und Herdstelle, der separaten Küche. Modernere Herde und vernünftiger Rauchabzug machten auch das Bewusstsein für die mehr bürgerliche Küche möglich. Kolonialwaren, wie z.B. Kakao, Brühwürfel bereicherten die Nährmittel. Ländliche Kochschulen entstanden und eine gute Küche war auch schon mal ausschlaggebend bei der Wahl des Bauern als Arbeitgeber. In Notzeiten kam dem ländlichen Leben wieder mehr Bedeutung zu. Amtliche Stellen versuchten, durch den Einsatz von geschulten Ernährungsberaterinnen mit sparsamsten Mitteln aus zukommen. Nach der Währungsreform im Sommer 1948 tauchten wieder andere Nährmittel auf, erste Würstchenbuden gehörten zum Straßenbild in Städten. In den 1960er Jahren folgte dann die „Fresswelle“, ab 1970 die Gesundheits-, ab 1980 die Genuss- und ab 1990 die Genuss- und Naturwelle.
Dr. Hermann Kaiser vom Museumsdorf Cloppenburg widmete sich in seinem Betrag noch einmal ausführlich der bäuerlichen Herdstelle und den Kochgeräten. Viele zusätzliche Fakten rund um die Herdstelle gehörten zu seinen mit Bildern untermalten Informationen. Dass die Herdstelle auch die einzige Wärme- und Lichtquelle im Haus und Hof war, erklärt auch die Ebenerdigkeit des Feuers. Wie sollten sonst die Füsse gewärmt werden können. Zur Standardausrüstung der Feuerstelle gehörte auch der schwenkbare „Füürrähm“, an dem der Kochkessel über dem offenen Feuer hing. Durch eine Höhenverstellung hatte man Einfluss auf die Hitzeeinwirkung. Allein die unterschiedlichen Materialien der Töpfe wandelten sich im Laufe der Zeit. Aus Bronze, Kupfer oder Gusseisen stellte man relativ große Gefäße her. Fassungsvermögen von 20 Litern und mehr waren normal. Schließlich kochte man ohnehin für mehrere Tage. Selbst über die Reinigung der Töpfe konnte er ausführliche Hinweise geben. Danach war selbst das Auslecken der Gefäße durch Hunde in Einzelfällen überliefert.
Heinz Riepshoff, Hausforscher der IG Bauernhaus, ergänzte diese Thematik mit seinen Erkenntnissen, die er bei noch vorhandenen älteren Höfen gewinnen konnte. Die Plätze der früheren Herdstellen und die unterschiedlich Rauchabzüge haben ihn schon immer interessiert. Anhand zahlreicher Dias aus dem Raum Hoya und Verden präsentierte er den Teilnehmern erstaunliche Varianten der ersten Öfen und Herde. Die Herdstellen im Flett- und Dielenbereich verschwanden ganz, als die Scheerwände eingezogen wurden und den offenen Dielenbereich zum Wohnbereich abtrennten. Die Küchen zogen um in eine der Kammern, Schornsteine oder Rauchabzüge sorgten für gesündere Luft für Mensch und Tier. Nach diesem praktischen Teil folgte die Theorie. Sabine Hacke vom Dümmermuseum präsentierte Analysen der Nahrungsmittelforschung. Auch sie bestätigte viele der Darstellungen von Ernährungsberaterin Edda Möhlenhof-Schumann, dass sehr häufig eine Fehl- oder Mangelernährung im sozialen Umfeld eines Menschen oder der Familie zu suchen sind.
Es folgte Dr. Hartmut Fröleke, der aus einer Arbeit der Uni Bremen über die Ernährungssituation nach dem Zweiten Weltkrieg am Beispiel der nahen Hansestadt Bremen berichten konnte. Zweifellos gehörte dieser Zeitabschnitt zu den größten Notzeiten für die Bevölkerung, vor allem was die Nahrungsmittelversorgung betraf. Die Werte der Kilokalorien (kcal), die ein normaler Mensch pro Tag benötigt, zogen sich wie ein roter Faden durch seine Ausführungen. 1939, vor Beginn des Krieges, standen pro Kopf der Bevölkerung 2400 kcal zur Verfügung. Durch Bezugsscheine, immer auf eine Periode von 28 Tagen berechnet, versuchte die Reichsregierung die Versorgung zu regeln. Bei Kriegsende (1944) waren es noch echte 1600 kcal. Der Verlust von rund 25 % der landwirtschaftlichen Anbaufläche, gleichzeitigem Bevölkerungsanstieg durch die Heimatvertriebenen, fehlenden Düngemitteln und einem harten Winter 1946/47 waren die Gründe für die größte Ernährungskrise in Deutschland. Maßnahmen der britischen und amerikanischen Besatzungsregierungen folgten. Schulspeisungen und zusätzliche Nahrungsmittel konnten aber die gesundheitlichen Folgeschäden nicht verhindern. Gewichtsabnahme, Schwindel- und Ohnmachtsanfälle, Furunkel, Hungerödeme, Störung des Längenwachstums bei Kindern und zunehmende Infektionskrankheiten gehörten in dieser Zeit zu den Folgen der Mangelernährung. Die Kleingärten bekamen wieder eine wichtige Funktion der Selbstversorgung. Schwarzmarkt, Hamsterfahrten und Tauschgeschäfte waren für große Teile der Stadtbewohner die einzige Möglichkeit, zu überleben. Die Währungsreform (1948) war damals tatsächlich das Ende dieser Notzeiten.
Zum Abschluss der Veranstaltung widmete sich Elsbeth Kautz einem Thema, dass indirekt auch dem Wandel der Ernährung und ihrer Begleitumstände zu tun hatte. Den „Kalthäusern“, andere sagen auch Kühlhäuser oder Kühlstationen dazu. Gemeint sind die ab den 1950er Jahren oft extra erbaute Gebäude oder Anbauten, die zur Lagerung von Gefriergut dienten. Als Kühlschränke oder Gefrieranlagen im häuslichen Bereich kaum oder gar nicht erschwinglich waren, boten diese Gemeinschaftsanlagen die Möglichkeit, Nahrungsmittel aller Art gegen eine monatliche Miete von z.B. sieben EURO langfristig aufzubewahren. Kühlräume mit bis zu 70 Fächern oder mehr, in denen minus 24 Grad herrschten. In Ehrenburg wurden die Nutzungsanrechte sogar vererbt. Nahezu flächendeckend entstanden diese Anlagen, und nur wenige existieren heute noch. Die erschwinglichen Gefrierschränke und -truhen haben sie überflüssig werden lassen. Elsbeth Kautz bezeichnete die Kalthäuser als „Eine praktizierte Kultur der Gemeinschaft. Die Vorratshaltung von heute findet heute im Supermarkt statt“.
Die Referenten der Veranstaltung „Wandel der Ernährung auf dem Lande“ im Syker Kreismuseum:
(v.li.) Dr.Hartmut Fröleke, Edda Möhlenhof-Schumann, Elsbeth Kautz, Heinz Riepshoff, Dr. Hermann Kaiser, Dr. Ralf Vogeding. Es fehlt auf diesem Bild Sabine Hacke.
Foto: Wilfried Meyer
Die Möglichkeiten des Kochens waren auf dem offenen Herdfeuer des Bauernhauses begrenzt. Was man in einem Topf kochen konnte, kam auf den Tisch.
Foto: Archiv Kreismuseum
Gemeinschaftsarbeit "Rhabarberschälen"
Foto: Archiv Kreismuseum
Die Dorfläden halten Einzug in den Dörfern und haben Einfluß auf die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung.
Foto: Archiv Kreismuseum
Konfirmationsfeier in den 60er Jahren, auf dem Saal eines dörflichen Gasthauses.
Foto: Archiv Kreismuseum