Bericht über die Erste Regionaltagung für Berufsforscher und Amateure auf der Diele des Kreismuseums in Syke, im November 2005
von Anke Rüpke
Ihre Leidenschaft brachte sie zum erstenmal an einen Tisch: Wissenschaftler und Laien, die sich beruflich oder ehrenamtlich der Geschichtsforschung verschrieben haben, kamen am Sonnabend, 5. November 2005, in Syke zu ihrer ersten Regionaltagung zusammen. Reichlich 40 Gäste ließen sich über den Umgang mit verschiedenen Quellengattungen informieren und zu neuen Kontakten und zur Zusammenarbeit ermuntern. Ob sie sich nun der Geschichte eines Orts oder ihrer Familie verpflichtet fühlen, ein Archiv leiten oder einem Projekt in die Vergangenheit folgen: Gemeinsam ist Teilnehmern und Referenten die Begeisterung für die Forschung.
Hausherr Dr. Ralf Vogeding und Initiator Heinz Riepshoff von der Interessengemeinschaft Bauernhaus teilten sich die Begrüßung. Beide werteten die Hausforschung als Musterbeispiel für die funktionierende Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Laien. Der Gastgeber betonte zudem „das bemerkenswert hohe wissenschaftliche Niveau der ehrenamtlichen Forschung zu Mensch und Materie in der Region”. Mit der ersten Regionaltagung unter dem Titel „Unterschiedliche Quellen – ein Ziel” wollten sie die Heimatforscher nicht nur an einem Tisch versammeln, sondern nach den Worten von Heinz Riepshoff Kontakte stiften, zum Austausch ermuntern und private und professionelle Forscher aus ihrer Zurückgezogenheit holen.
Von der gelungenen Zusammenarbeit mit ortskundigen Laien wußte Dr. Thomas Schürmann aus Itzehoe zu berichten. Im Auftrag des Landschaftsverbands Stade hatte er im Bereich der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden in Ehren gealterte Möbel und Hausgeräte in 317 Privatwohnungen und öffentlichen Einrichtungen aufgesucht. Dabei erfaßte und dokumentierte er 3.700 kulturgeschichtlich bedeutsame Objekte, darunter allein 640 Schränke und 600 Truhen. Die Erhebung wäre nicht denkbar gewesen ohne die Kooperation mit den heutigen Eigentümern. Sie gewährten dem Forscher nicht nur den Zugang zu den häuslichen Wertstücken, sondern lösten auch die Rätsel der geschnitzten Initialen. Mit Hilfe der kundigen Informanten ließen sich die Möbel ihren ehemaligen Besitzern zuordnen und aus der anonymen Vergangenheit herauslösen. Der promovierte Volkskundler betonte das Prinzip des Gebens und Nehmens. Wenn eine Veröffentlichung von der Zusammenarbeit zwischen Amateuren und Berufsforschern profitiert, muß das nach Ansicht von Dr. Thomas Schürmann auch für Außenstehende erkennbar sein: „Man darf sich nicht nur zuarbeiten lassen, alle Beteiligten müssen auch öffentlich in Erscheinung treten.” Die Ergebnisse seiner mühevollen kulturgeschichtlichen Bestimmung im Elbe-Weser-Territorium sind nachzulesen („Erbstücke. Zeugnisse ländlicher Wohnkultur im Elbe-Weser-Gebiet“; hrsg. vom Landschaftsverband Stade, 2002).
Für die Ortschronisten sprach Erich Hillmann-Apmann aus Schwarme, der die Entwicklung der Heimatforschung nachvollzog. Er erinnerte an die Schließung der Zwergschulen, durch die auch die Lehrer aus den Dörfern verschwanden. Ihre Aufzeichnungen setzte meistens niemand fort, so daß die Heimatpflege unter der Neuordnung des Schulwesens litt. Auch die Gebietsreform war der Beschäftigung mit der örtlichen Geschichte nicht zuträglich. Die Dörfer traten alle amtlichen Unterlagen an die große Verwaltungseinheit ab, „trotz ihrer nicht unberechtigten Sorge, daß die Akten hier untergehen könnten”. Der Kreisheimatbund Diepholz stellte sich dieser Entwicklung nach seiner Neugründung 1979 entgegen. Die Mitglieder unterstützten die Einrichtung von Archiven in allen Kommunen und erfaßten die heimatkundlichen Schriften. Wer über seinen Ort forschen möchte, ist nach Ansicht von Erich Hillmann-Apmann gut beraten, wenn er sich zunächst über die politische Zugehörigkeit im Verlauf der Jahrhunderte informiert. Erst mit diesem Wissen kann die Aktenrecherche auf die richtigen Bestände bezogen werden. Erste Anlaufstelle ist in jedem Fall das Staatsarchiv in Hannover, das kostenlos Einsicht in die niedergelegten Dokumente gewährt. Die Schriftzeugnisse, die auf Hofstellen und Personen zu beziehen sind, reichen im allgemeinen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Die Register zu den Besitzständen bieten sich als Gerüst für die Nachforschungen an. Erich Hillmann-Apmann empfahl, auch die Vorkriegszeit nicht aus dem Geschichtsbewußtsein auszuklammern: „Auch die Gründung der NSDAP-Ortsgruppe sollte nicht ausgelassen werden”. Aus dem Plenum kam der Hinweis auf Dr. Angelika Kroker, Mitarbeiterin der Universität in Hannover, die in Seminaren das fachliche Rüstzeug für die Orts- und Familienforschung vermittelt.
Geschichte von unten propagierte auch Friedrich Kratzsch aus Twistringen. Mit Tonaufzeichnungen ergänzt er die offizielle lokale und regionale Geschichtsschreibung um die persönlichen Geschichten der Betroffenen. Über Interviews bemüht sich der Archivar nachträglich um Informationen, wohl wissend, daß bereits die Fragen von einer Absicht gelenkt sind und die geschilderten Erlebnisse inszeniert sein können: „Ich bin kein akkurater Chronist”. Bei aller Subjektivität des Fragesteller und des Gesprächspartners biete die erzählte Geschichte, „oral history”, eine qualitative Ergänzung zu privaten und behördlichen Dokumenten. Mit der schriftlichen Übertragung der Ergebnisse sollten sich die Interviewer nicht zu viel Zeit lassen. Nicht immer macht sich Friedrich Kratzsch die Mühe einer exakten Wiedergabe. Dr. Thomas Schürmann rechnet bei einer sorgfältigen Transkription mit acht Stunden Schreibarbeit nach einem einstündigen Interview.
Auf den Ton folgte das Bild: Wilfried Meyer, Leiter des Fotoarchivs in Weyhe, spürte den Informationen historischer Fotografien nach. Als Herr über 30.000 Dias, 27.000 Negative und 5.000 Digitalaufnahmen bemüht er sich darum, „festzuhalten, was wir können”. Er strich nicht nur die Bedeutung des Bildes als Informationsquelle heraus, sondern auch als wirksamste Werbung für jeden Text: „Das Bild weckt unser Interesse und entscheidet, ob wir weiterlesen”. Anhand von deutlich gealterten Aufnahmen bewies er dem Publikum, welche Einzelheiten noch im Teilausschnitt erkennbar gemacht werden können. Er empfahl, bei der Archivierung von Fotos nicht zu sehr auf die Dauerhaftigkeit der digitalen Medienträger zu vertrauen und immer eine doppelte Dokumentation anzulegen, sei es über eine interne und externe Festplatte, oder über die digitale und gedruckte Dokumentation, um Verluste auszuschließen.
Bernd Kunze aus Martfeld hat einen anderen Weg der Hausforschung gewählt. Der Graphiker stieß beim Fotographieren von Fachwerkgebäuden immer wieder auf den Namen des Zimmermeisters Fiddelke, dem er dann systematisch nachging. Auf der Suche nach dem Namenszug oder den Initialen fand der Graphiker in Martfeld und umliegenden Dörfern noch 67 Gebäude, die zwischen 1790 und 1866 von Johann Dietrich Fiddelke und seinem Vater errichtet worden sind. Bernd Kunze dokumentierte und sortierte die Dekors und Inschriften auf Torbogen und Giebelschwellen und wertete sie nach Datierung, Verteilung und Häufigkeit aus. Er listete die angegebenen Richttage auf und suchte nach Erklärungen für die ungewöhnliche Baudatierung in den Wintermonaten, die sich nicht immer mit dem Wiederaufbau nach einem Brand begründen ließ. Manchmal geben die geritzten Torsprüche auch neue Rätsel auf, wie das Bibelzitat aus dem Buch Jesus Sirach 3.11 „Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder.” Die Geschichte, die sich hinter diesem Hausbau verbirgt, ist bisher ebenso wenig bekannt wie die Biographie der beiden tüchtigen Zimmermeister aus Tuschendorf.
Um Herdwand und Bodenherd ging es Dr. Ulrich Klages, der sich bei seinen Untersuchungen der Unterstützung von Archäologen bediente. Noch kurz vor dem Abriß nutzte er die letzten Tage eines Gebäudes, um Wände zu öffnen und gezielt mittig vor der Herdwand im Flett den Spaten anzusetzen. Anhand der Anordnung von Pflastersteinen und der Verfärbungen von Bodenschichten und Wandpartien konnte er die Lage und Beschaffenheit der Herdstelle nachweisen. Er fand nicht nur Merkmale für den Gebrauch einer vertieften Feuerstelle, sondern auch für einen ebenerdigen und später leicht erhöhten Herdplatz. Der Untergrund lieferte auch bei Grabungen in anderen Häusern Belege für Standort und Ausführung der Feuerstelle. Aus fünf Herdstellen übereinander rekonstruierte der Hausforscher, daß jeder Neubau über dem alten Grundriß entstand und der Standort für das Feuer exakt beibehalten wurde.
Die Archivforschung kam wider Erwarten an diesem Tag zu kurz. So wie Heinrich Meyer aus Sudwalde mußte sich auch Hermann Greve aus Weyhe krankheitsbedingt entschuldigen lassen. So schilderten Dr. Ralf Vogeding und Heinz Riepshoff, ohne den eingeplanten Beitrag des Archivars aus Weyhe, am Beispiel des Hofes Kastens/Sengstake in Leeste, wie die Zusammenarbeit von Spezialisten funktionieren kann. Die Hausgeschichte lag hinter jungen massiven Außenwänden verborgen, bis dem Bau der Abbruch drohte und die beiden Bauforscher einem Hinweis folgten. Insbesondere die nahezu quadratischen Ständer der Diele weckten die Aufmerksamkeit von Heinz Riepshoff, weil diese Querschnitte Indiz für die ältesten Häuser der Gegend sind. In einem Schrank der verstorbenen letzten Besitzerin fanden sich zufällig noch Unterlagen, die die Vergangenheit der Kötnerstelle erhellten. Mit diesen Ansätzen recherchierten die drei Männer aus der Perspektive des Volkskundlers, des Archiv- und des Hausforschers weiter. So ergab die Dendrochronologie eine Bauzeit um 1575, zu der das Haus mit einer allseits umlaufenden Kübbung errichtet wurde. Der Umbau ließ sich für 1851 konstatieren, dem sich im nächsten Jahrhundert brandbedingt die Errichtung massiver Außenwände anschloss. Bereits die aktuellen Befunde motivieren die drei Männer zur Fortsetzung der Arbeiten. Und vielleicht geben sie die Ergebnisse ihrer Arbeit bei der nächsten Regionaltagung bekannt, die Dr. Ralf Vogeding und Heinz Riepshoff im Herbst 2006 ansetzen wollen.
Tagungsteilnehmer aus dem ganzen Landkreis auf der Diele des Museums.
Foto: B. Kunze
Die beiden Bilder stammen vom Richtfest des ersten Kirchweyher Konsum-Gebäudes um 1904, daß heute noch – stark verändert – steht. Der Ausschnitt, noch auf traditionellem Weg in der Dunkelkammer hergestellt, zeigt nur den Maurerpolierund seine Handlanger. Solche Ausschnittvergrößerungen sind eine zusätzliche Quelle für die Heimatforschung.
Fotos: Archiv Wilfried Meyer, Weyhe
Am Beispiel der Geschichte dieses, inzwischen abgerissenen Hauses in Leeste (im Bremer Umland), wurde aufgezeigt, daß sich Hausforschung und Archivforschung gegenseitig stützen und ergänzen.
Oben: Aufnahme kurz vor dem Abriß.
Mitte: Rekonstruktion 1557 (d)
Unten: Umbau v. 1854 (d).
Zeichnung: H. Riepshoff, Zustand im Mai 2005
In obigem Haus stand dieser Schrank vor einer alten Alkoven-Öffnung. In ihm wurden noch wichtige Dokumente zur Hofgeschichte entdeckt.
Foto: H. Riepshoff
Bernd Kunze aus Martfeld stellte seine Untersuchungsergebnisse zur Zimmermannsfamilie Fiddelke aus Eitzendorf vor. Er hat 80! noch stehende Gebäude gefunden, die diese Zimmerleute im 19. Jahrhundert gebaut haben. Das Foto zeigt die Signatur des Zimmermeisters Fiddelke aus dem Jahr 1848.
Das untere Foto zeigt ein typisches "Fiddelke-Haus" aus dem Jahr 1838 in Eitzendorf.
Fotos: B. Kunze