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"Der Holznagel" Heft 5/2007
Heinz Riepshoff
Bereits bei unseren frühesten Bauernhäusern und Wirtschaftsgebäuden wie Speichern, Backhäusern, Scheunen und Ställen finden wir häufig in Holz eingeschnittene Jahreszahlen. Da es sich bei diesen Zahlen in der Regel um das Datum der Erbauung handelt, sprechen wir von Baudaten. Das wir bei einigen Bauten keine Jahreszahl finden oder eine jüngere, nicht das ursprüngliche Baujahr wiedergebend, kann z. B. damit erklärt werden, dass die äußeren Wände ausgetauscht worden sind. Wir wissen aber auch, dass Gebäude die der Obrigkeit gehörten und in denen die Bewohner im Laufe der Zeit häufiger wechselten, bereits bauzeitlich über keine Inschrift mit Datum verfügten.
Das Bauernhaus Martfeld Nr. 2 (Abb. 1) war das Haus des Vogtes und hat weder im Torbalken des Giebels, noch an einer anderen Stelle einen Hinweis auf das Baujahr. Mit Hilfe der Dendrochronologie konnte jedoch das Jahr 1786 d ermittelt werden.
Wenn auch die Dendrochronologie hier nicht näher behandelt werden soll, muss an dieser Stelle der Vollständigkeit halber doch darauf hingewiesen werden, dass neben den inschriftlichen Daten an den Gebäuden selbst, die größte Hilfe zur Datierung, vor allem von Fachwerkbauten, die Wissenschaft der Dendrochronologie ist.
Die Bedeutung einer fehlenden Inschrift samt Baudatum und die damit verbundenen juristischen Folgen werden auch durch ein Inventar von 1777 in Martfeld belegt. Das darin erwähnte Backhaus hatte keinerlei Inschriften und wurde deshalb, abweichend von den anderen Gebäuden, zu 100% dem Grundherren zugerechnet und nicht dem Bauern. Alle anderen Gebäude wurden zu jeweils 50% dem Bauern und zu 50% dem Grundherren angerechnet 2 .
Baudaten und Inschriften im Gebäude
Im Gegensatz zu jüngeren Datierungen, die in der Regel zusammen mit den Namen der Erbauer und sinnigen Sprüchen, häufig aus der Bibel, in den Giebeln zu finden sind, verweisen die ältesten Gebäude, wenn überhaupt, nur im Inneren auf das Baujahr. Der Grund ist wohl in der Konstruktion zu finden. Alle Zweiständergerüste aus der Zeit vor 1600 verfügten über ein weit nach unten reichendes Dach in Form einer umlaufenden Kübbung (Abb. 2). Das Einfahrtstor sprang nach innen zurück und war außen im Strohdach entsprechend der Torgröße ausgeschnitten. Einen repräsentativen Giebel mit entsprechender Fläche für Inschriften gab es noch nicht.
Das Zweiständerhaus in Felde Nr. 18 zeigt außen und in der Diele ein Fachwerk von 1735 d. Die gesamte Flettkonstruktion ist aber deutlich älter und signalisiert bis zum heutigen Tage sein Baudatum im linken Luchtriegel mit der Inschrift: „IM JAR ANNO 1579“ (Abb. 3).
Das ebenfalls alte Innengerüst das Hauses Dedendorf Nr. 7 hat das eingeschnittene Datum „1595“ in einer Knagge der linken Lucht (Abb. 4). Im Gegensatz dazu zeigt der Wirtschaftsgiebel das Datum „1654“, den Zeitpunkt einer Verlängerung. Weiter zurück reicht der Balken über der Herdwand, der dendrochronologisch mit 1519 datiert werden konnte. Auf dem Hof Nechtelsen Nr. 4 ist im Haupthaus wiederum im linken Luchtriegel das Datum „1600“ eingeritzt. Aus dieser Zeit stammt das gesamte Innengerüst. Die Außenwände stammen aus dem 18. Jahrhundert. Deutlich jünger ist das Haus Bockhorn Nr. 2 bei Sulingen. Hier finden wir zwei gleichlautende Daten. Sowohl im inneren Torbalken des Vorschauers, als auch zusätzlich auf der Unterseite eines Einzuges der rechten Lucht ist „1714“ angegeben.
Es gibt gleiche Beispiele aber auch für Nebengebäude wie z. B. bei dem Lehmspeicher Borstel/Bockhop Nr. 13 (Abb. 5). Erst nach betreten des Speichers wird man unmittelbar an dem ersten Balken auf das Baujahr hingewiesen: „ANNO 1584“ (Abb. 6). Auch hier, bedingt durch die äußere Lehmhülle, war schon aus technischen Gründen keine Möglichkeit das Baudatum außen anzuzeigen.
Wenn auch die konstruktive Notwendigkeit der inneren Datierungen zu erklären ist, warum aber nur das Baujahr und noch keine Bauherren angegeben werden, bleibt zunächst Spekulation. Wir müssen annehmen, dass die Eigentumsverhältnisse an den Gebäuden noch nicht so klar waren, wie ab dem 17. Jahrhundert. Wahrscheinlich wurden erst ab dem Zeitpunkt die Namen des Bauern und seiner Frau als eindeutiger Eigentumsvermerk, vor allem gegenüber dem Grundherren, unauslöschlich in das Holz geschnitzt.
Baudaten und Inschriften an den Außenwänden
Bei Wirtschaftsgebäuden wie Speichern, Backhäusern und Scheunen wurden selbst nach 1600 in den Außenwänden zunächst nur Angaben zum Baudatum ohne Hinweise auf den Eigentümer gemacht. Eines der ältesten Backhäuser auf unseren Höfen steht in Scholen Nr. 12 und ist im Türriegel mit „1607“ datiert 4 (Abb. 7) . In Nenndorf Nr. 4, Gem. Bruchhausen-Vilsen ist die Scheune mit „1691“ und auf dem gleichen Hof das Kombinationsgebäude aus Speicher und Backhaus mit „1697“ datiert, jeweils ohne weitere Angaben über die Erbauer.
Mit dem Einzug der Stilelemente der Weserrenaissance um 1600, verändert sich die äußere Hülle unserer Bauernhäuser radikal. Statt wenig repräsentativer Giebel mit Vorder- oder Hinterkübbung entstehen vor allem sehr aufwendig gestaltete Wirtschaftsgiebel mit Fächerrosetten, profilierten Knaggen und Füllhölzern mit Beschlagswerk. Als ein Beispiel von den wenigen erhaltenen Giebeln dieser Zeit sei hier die „Alte Schmiede“ in Bücken erwähnt. Neben dem Baudatum „ANNO DOMINI 1621” wird hier nun auch der Erbauer genannt: „HINRICH WILKENS + ALHEIT WILKENS“ sowie zwei biblische Sprüche (Abb. 8).
Diese Art der Darstellung der Namen von Hauseigentümern, biblischen Sprüchen und Baudaten wurde bis weit in das 19. Jahrhundert beibehalten. Geändert hat sich nur die Gestaltung der Schrift und die Technik mit der die Inschriften in das Holz geritzt oder geschnitten wurden. Als ein Beispiel einer Inschrift im Wirtschaftsgiebel eines Hallenhauses aus der Zeit um 1800, der Blütezeit von Inschriften, sei hier das Haus auf dem Hof Warnke in Heiligenfelde bei Syke erwähnt (Abb. 9). Der Text auf dem Rähm lautet: „Siehe Vater segnend an diesen Bau durch DICH gethan, Freundlich strahle deine Sonne stets auf ihn mit aller Wonne und nimm dich unserer gnädig an“. Der Torbalken trägt die Namen der Erbauer: „Johann Hinrich Warnke und Anne Adelheit Stöver“ sowie den Namen des Zimmermanns „M Harves“ (M steht für Meister, hier für den Zimmermeister). In den beiden Kopfbändern ist zu lesen „ANO 1829“.
In gewisser Weise nehmen die Inschriften von Häuslingshäusern eine Sonderstellung ein. Die aufgeführten Namen beziehen sich immer auf den Eigentümer und Erbauer des Hauses, nicht aber auf die Bewohner. Die Häuslinge wohnten lediglich zur Miete und konnten überdies häufiger wechseln. Ein ausgesprochen spätes Beispiel eines kleinen Häuslingshauses aus Fachwerk stand bis vor 20 Jahren in Jardinghausen bei Syke und gehörte ursprünglich zum Kreyenhopschen Hof (Abb. 10). Die Inschrift über der einflügeligen Tür im Giebel lautete: „Cord Hinrich Kreinhop und Margr. Maria geb. Bruns – 1880“. Die Beschriftung von Häuslingshäusern durch die Eigentümer, obwohl diese nicht in dem Gebäude wohnten, ist sicherlich auch mit der Markierung des Eigentums gegenüber der Obrigkeit zu erklären (siehe Einleitung).
Relativ selten sind Inschriften am Kammerfachgiebel, der Rückseite von Wohnhäusern. Hinter diesen Inschriften verbirgt sich eine Information, die sonst nirgends zu finden ist. Es geht um nichts weniger, als um die Frage, in welchen Schritten die Menschen früher ihr Haus erneuert haben? Wo haben sie gewohnt, wenn die Außenwände ausgewechselt wurden, ohne dass gar ein ganzes Haus erneuert werden sollte?
Wilms-Hoff in Holzhausen bei Harpstedt ist solch ein Fall. Von dem ursprünglichen Wirtschaftsgiebel ist nur der Torbalken erhalten geblieben. Er trägt die Inschrift: „HINRICH WILHELM WILMS UND MARGRETE GEBOHRNE HUNTEMANS DEN ........179?“ Das Baudatum ist z.T. zerstört und somit ungenau, selbst die „9“ ist nicht ganz sicher. Der Giebel, den wir heute vorfinden, wurde vor 35 Jahren an anderer Stelle abgebaut und vor dieses Haus gestellt. Der Kammerfachgiebel trägt eine Inschrift mit der gut sichtbaren Jahreszahl „1797“. Überraschend ist jedoch eine dendrochronologische Überprüfung des Innengerüstes in der Diele. Die Bäume wurden im Winter 1798 d eingeschlagen, also über ein Jahr später nachdem der Kammerfachgiebel bereits stand. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde erst das Kammerfach möglicherweise mit Flett fertiggestellt. Erst ein bis zwei Jahre später kam die Diele hinzu. Ein solcher Ablauf ist denkbar, wenn man sich vorstellt, dass ein älteres Haus komplett erneuert werden soll. Kammerfach und Flett werden abgerissen und hinter der alten Diele zunächst neu aufgebaut. In dieser Zeit ist ein provisorisches Wohnen in der Diele denkbar. Im zweiten Schritt erfolgt die Erneuerung der Diele.
Ähnlich ist das Haus in Bramstedt Nr. 9, Gem. Bassum zu bewerten (Abb. 12). Im Torbalken des Wirtschaftsgiebels steht die Inschrift: „Hinrich Grupe und Katharina Margrete Prallen“ ohne Jahreszahl. Im Kammerfachgiebel finden wir neben einer längeren Inschrift die Jahreszahl „1826“. Insgesamt verbirgt sich aber in diesem Haus ein altes Inngerüst von 1591 d. Bei Erneuerung der Außenwände, vor allem des Kammerfachs, hat man sicherlich ebenfalls mit dem Wohnteil begonnen und dabei schon mal vorsichtshalber als Eigentumsvermerk das Baudatum untergebracht. Als dann der zweite Bauabschnitt, die Dielenaußenwände und der Wirtschaftsgiebel folgten, konnte man dort auf ein Datum verzichten.
Noch eindeutiger ist dieser Vorgang bei dem Haus Uenzen Nr. 65, Gem. Bruchhausen-Vilsen (Abb. 13). Die Türstürze der beiden Seitentüren des Fletts tragen im Westen die Inschrift: „Diedrich Heinrich Cordes“ und im Osten „Gebke Runnen 1845 M. P. Stellmann“. Die Inschrift des Wirtschaftsgiebels lautet: “Diedrich Heinrich Cordes und Gebke Runnen M. P. Stellmann 1850“. Es wiederholen sich sowohl die Namen des besitzenden Ehepaares als auch des Zimmermanns Stellmann. Diedrich Heinrich Cordes wurde 1793 geboren und war von 1843 – 1861 Bürgermeister. Zwei Jahre nachdem er Bürgermeister wurde, erneuerte er zunächst Kammerfach und Flett. Mit dem Einbau einer Bürgermeisterstube, die von der Diele her mit einem Hinterlader zu beheizen war, einem zusätzlichen Keller mit Upkammer und Küche mit offenem Herdfeuer im Kammerfach, wählte er einen sehr fortschrittlichen Grundriss. Erst 5 Jahre später wurde die alte Diele abgerissen und durch eine neue ersetzt.
Inschriften in Lehm
Alle bisher beschriebenen Datierungen wurden vom Zimmermann vorgenommen und in Holz geschnitten oder geritzt. Leicht übersehen werden eingedrückte Daten, die in den noch frischen Lehm von Ausfachungen vorgenommen wurden. Diese finden wir weniger im Wohnhaus des Bauern, sondern eher in Wirtschaftsgebäuden oder untergeordneten kleineren Wohnhäusern.
So z. B. in einer Scheune in Möhlenhalenbeck, Gem. Balge, wo bis heute das Baudatum „ANNO 1669“ erhalten geblieben ist (Abb. 14).
Vor einigen Jahren haben Bernd Kunze und ich ein Häuslingshaus, vielleicht war es auch ein Altenteiler, in Mörsen Nr. 10 (Gem. Uchte) untersucht. Unsere letzten Arbeiten auf dem Dachboden waren getan und wir wollten das Gebäude verlassen, als durch schwaches Seitenlicht die Jahreszahl „1759“ in der Lehmausfachung des Drempels über der Herdwand sichtbar wurde. Die Zahlen waren offensichtlich in den noch feuchten Lehm mit den Fingern gedrückt worden. Kurze Zeit nach unserer Untersuchung wurde das guterhaltene Gebäude abgebaut und umgesetzt und dabei ging die Jahreszahl für immer verloren.
Eine Scheune in Schwarme Nr. 49 (Abb. 15/16) belegt, dass nach dem Aufrichten des Fachwerks nicht in jedem Fall im selben Jahr auch die Lehmausfachungen fertiggestellt wurden. Der Zimmermann Dietrich, Heinrich Fiddelke hat sich mit dem Datum „1803 den 17. Juni“ im Giebel verewigt. In einem Lehmfach der Traufwand, jedoch von der Innenseite, ist das Jahr „1804“ angegeben.
Inschriften in Rotsteinhäusern
Im 19. Jahrhundert erleben wir einen grundsätzlichen Wandel im Hausbau. Zwar bleibt die Kubatur und Größe unserer Bauernhäuser noch erhalten, aber die veränderten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse spiegeln sich auch im Inneren bei der Raumaufteilung entscheidend wieder. Das Flett wird zum Flur und durch eine Scherwand von der Diele abgetrennt. Die Küche, nun mit Schornstein, wird in den folgenden Jahren üblicherweise in der Mitte des Kammerfachs untergebracht und es entstehen zusätzliche Schlafräume für Kinder und Personal. In den Außenwänden ist Fachwerk völlig aus der Mode gekommen und Maurer errichten die Wände nun einheitlich ausschließlich aus Rotsteinen.
Das früheste bekannte Beispiel steht auf dem Hof Intschede Nr. 1, Gem. Blender (Abb. 17). Das Zweiständerhaus wurde 1827 d errichtet. Auf der Diele konnte für die Mehrheit der Gerüstteile, wie Ständer und Balken, das Datum 1720 d ermittelt werden. An verschiedenen Stellen weisen einige Gerüstteile aber das Datum 1827 d auf. Die Lösung dieses Rätsels finden wir im steinernen Kammerfachgiebel, der einen deutlich älteren Eindruck macht als der ebenfalls steinerne Wirtschaftsgiebel aus der Zeit um 1900. Eine Sandsteintafel gibt als Bauherren das Ehepaar Stöver an und die Jahreszahl „4. Jan. 1827“. Offensichtlich hat man 1826/27 zunächst ein steinernes Kammerfach errichtet und dann 1827 d unter Verwendung eines alten Gerüstes von 1720 d eine Diele hinzugefügt.
Dieser Hof steht unmittelbar neben der Intscheder Kirche, die aus Rotsteinen 1820 als klassizistischer Bau errichtet wurde. Hat dieses Vorbild auf die Bauleute Stöver eingewirkt und diese 7 Jahre später einen Trendsetter errichten lassen?
Als Standart entwickelte sich dann das Anbringen von Namen und Baudatum oberhalb des Tores im Wirtschaftsgiebel. In einem Bauernhaus in Bramstedt, Gem. Bassum befinden sich zwei Sandsteine, eine rechteckige Tafel mit den Hinweisen auf die Bauherren und ein trapezförmiger Schlussstein mit dem Baudatum „1844“ (Abb. 18). Diese Schlusssteine weisen in der Regel an der schmaleren Seite, also nach unten zeigend, noch das Düsselloch auf. Ein Hinweis darauf, wie lange der Düssel als herausnehmbarer Toranschlag Verwendung fand.
Neben Haupthäusern aus Rotstein finden wir auch bei Nebengebäuden dieser Zeit Inschriften mit Datierungen. Auf dem Hof Nr. 15 in Gödestorf bei Syke wurde an das alte Fachwerk-Hallenhaus ein Schweinestall in Rotsteinen angebaut. In der Laibung der Außentür befindet sich ein Sandsteinquader mit einer Jahreszahl „1877“ (Abb. 19). Hierbei handelt es sich sicher um das Baudatum dieses Gebäudeteils.
Bei Scheunen verbreitet sich im 20. Jahrhundert eine andere Mode. Seit einigen Jahrzehnten hatten die Maurer gelernt, Fenster- und Türstürze, Lisenen, Traufgesimse usw. durch herausstehende Rotsteinreihen hervorzuheben. Nun begann man auch Namen und Baudaten riesig, wie Reklame der neuen Zeit, durch Steinreihen weit sichtbar hervorzuheben. Eine Scheune in Riede zeigt, gegliedert durch Rahmen und Lisenen, den Namen des Erbauers „D. LANGE“ und die Jahreszahl „1935“ (Abb. 20).
Maueranker mit Jahreszahl
Maueranker sind eiserne Widerhaken und dienen der festen Verankerung von hölzernen Gerüstteilen wie Deckenbalken und Stichbalken mit massiven Außenwänden. Eine waagerechte Eisenstange, die innen am Balken festgenagelt ist, guckt außen mit einer Öse knapp aus dem Mauerwerk heraus und wird mit einem eisernen Splint senkrecht verschlossen. Diese Splinte können eine einfache gerade Form besitzen, die lediglich am oberen Ende eine Verdickung aufweisen, damit sie nicht durchfallen. Häufig hat der Schmied die Splinte aber auch zu Buchstaben, z. B. die Anfangsbuchstaben der Erbauer, oder zu Zahlen, die das Erbauungsjahr wiedergeben, geformt.
Diese Form von Maueranker sind mindestens seit dem Mittelalter bekannt. In vielen Kirchtürmen dieser Zeit wurden die innenliegenden Holzkonstruktionen mittels dieser Anker mit den massiven Außenwänden verbunden. Wir finden sie aber auch an Rotsteinhäusern aus der Zeit um 1900.
Bei einem kleinen Vierständerbau in Wisloh bei Syke wird am rückseitigen Kammerfachgiebel das Datum „1894“ erkennbar (Abb. 21). Bemerkenswert ist die Tatsache, das diese Zahlen der einzige Schmuck an diesem einfachen aber schmucklosen Haus sind.
Feierabendziegel
Als Dach- und Mauerziegel noch mit der Hand hergestellt wurden, also der ungebrannte Ton mit den Händen geschlagen oder geformt wurde, war es nicht unüblich den letzten Stein vor Feierabend mit einer Nachricht zu versehen, daher der Name „Feierabendziegel“. Diese Nachricht konnte sowohl der Name des Arbeiters, ein Herz mit den Anfangsbuchstaben der Liebsten aber auch einfach nur die aktuelle Jahreszahl sein.
Das Pfarrwitwenhaus in Kirchlinteln, ein Vierständerbau mit stark abweichendem Grundriss gegenüber einem Niederdeutschen Hallenhaus eines normalen Bauern, wurde von dem Zimmermann im Torsturz mit der römischen Jahreszahl „MDCCLXXXVIIII“ (1789) versehen. Römische Baudaten kommen in ganz Nordwestdeutschland, vor allem an Kirchengebäuden, Pfarr- und Pfarrwitwenhäusern häufiger vor. Die Gefache dieses Pfarrwitwenhauses sind mit alten Rotsteinen ausgemauert. Ob diese aus der Bauzeit stammen würden oder nicht, konnte schnell geklärt werden. Für die Restaurierung des Gebäudes hat unser Mitglied Mathias Fritzsch z.T. die Steine herausnehmen müssen. Dabei kamen Steine zu Tage, die auf der breiten, in der Fuge liegenden Seite, sowohl geritzt als auch gedrückt die Zahl „1788“ zeigen (Abb. 22). Sie wurden also bereits 1 Jahr vor Bauhebung angefertigt.
Ausstattungsteile mit Jahreszahl
Alle bisherigen Beschreibungen und Baudaten beziehen sich auf den ganzen Bau oder doch zumindest auf wesentliche Teile eines Hauses. Es kommen aber auch Baudaten zu Tage, die sich nur auf einen Teil eines Hauses beziehen oder eine Reparatur anzeigen.
Hier muss wohl an erster Stelle die Kieselsteinpflasterung genannt werden. Das Flett unserer Hallenhäuser war wohl bis in das 17. und 18. Jahrhundert hinein, ebenso wie der Boden der ganzen Diele, mit Lehm gestampft. Nur die Feuerstelle in der Mitte bestand aus Steinen, überwiegend aus Ziegelsteinen. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich dann eine Mode, vor allem in der Nähe von Weser und Aller, den Boden des Fletts mit kleinen Flusskieseln auszulegen 6. Diese wurden hochkant in den noch feuchten Lehm gedrückt. Das Grundmuster sind quadratische Felder, die durch zopfartige Ränder getrennt sind. Die Felder selbst sind in der Regel mit immer dem gleichen Muster oder mit maximal 2 – 3 wechselnden Mustern versehen. Einige Felder aber, und zwar die, die man aus Richtung Diele kommend zuerst im Flett betritt, weisen in vielen Fällen Buchstaben und Zahlen auf. Die Buchstaben stehen für die Anfangsbuchstaben des Bauern und seiner Frau, die Zahlen stehen für das Jahr der Verlegung und sagen nichts über das Baujahr des Hauses aus.
So erklärt sich z. B. für das Hallenhaus in Ramelsen Nr. 1 das Datum im Kieselsteinpflaster mit „1819“ (Abb. 23). Der Wirtschaftsgiebel zeigt das Jahr 1808, in dem Jahr wurden die Außenwände erneuert, während das gesamte Innengerüst mit 1639 d datiert werden konnte.
Ebenfalls mit einer Jahreszahl versehen gibt es Herd- oder Füerrähmen. Seit wann es diese hölzernen Rahmen zur Aufhängung von Kochkesseln gibt, ist nicht ganz klar. Sicher ist nur, dass Anfang des 18. Jahrhunderts die schönsten und aufwändigsten Herdrähmen hergestellt wurden. Die sichtbaren Enden von zwei waagerechten Kanthölzern wurden als plastisch geschnitzte Pferdeköpfe ausgebildet, die beiden anderen Enden liegen befestigt in der Herdwand. Zwischen den beiden Pferdeköpfen befindet sich ein Querriegel, an dem in der Mitte eine senkrechte Hängesäule bis zum Deckenbalken reicht und dort befestigt ist. Riegel, Hängesäule und zur Stabilisierung noch zwei halbrunde Streben in Form einer halben Fächerrosette wurden reich verziert und mit Namen und Datum versehen. Auch diese Jahreszahl bezieht sich ausschließlich auf die Herstellung des Herdrähms.
Als eines der aufwändigsten Beispiele sei hier der „Schwartzehof“ in Döhlbergen bei Verden genannt. Das Haus selbst stammt von 1546 d und wurde bereits von Gerhard Eitzen eingehend untersucht und beschrieben 8. Der Wirtschaftsgiebel hat bis heute seinen Vollwalm behalten. Darunter stechen vor allem die Kopfriegel ins Auge, die mit qualitätsvoll geschnitzten Fächerrosetten versehen sind. Dieser Giebel, datiert mit 1704, wurde offensichtlich von den selben Handwerkern errichtet, die auch das Herdrähm hergestellt haben. Neben gekrümmten, plastisch aus einem Holz geschnittenen Pferdeköpfen, finden wir eine gleiche Fächerrosette wie im Giebel und den Text: „ANNO 1704 + HINRICH SCHWARTZ“ (Abb. 24).
In diesem Fall dürfen wir wohl davon ausgehen, dass das Herdrähm in einem unmittelbaren Zusammenhang mit einer größeren Baumassnahme steht, nämlich des Erneuerns aller 4 Außenwände. Eine so große bauliche Überholung des ganzen Hauses, einschließlich aufwändigem Herdrähm, in seiner Form das Modernste seiner Zeit, ist in der Regel die Folge der Einheiratung einer jüngeren Bäuerin.
Gelegentlich kommen auch Jahreszahlen an Ausstattungsteilen vor, die oberflächlich gesehen, nichts über das Gebäude aussagen. Bei Truhen und Schränken z. B. sind neben den Jahreszahlen auch Namen nicht selten und beides sagt viel über das Jahr einer Hofübergabe oder Einheiratung aus. Manchmal gibt es auch andere, ganz unerwartete Zusammenhänge. Auf dem Hof Siemers in Loge Nr. 4 steht ein Backhaus aus Fachwerk, das in seiner Gestaltung und Konstruktion mit Drempel eher an einen Speicher des 18. Jahrhunderts denken lässt 9. Betrachtet man allerdings den rückwärtigen Giebel genauer, macht der einen deutlich jüngeren Eindruck, eher dem 19. Jahrhundert zuzurechnen. Es verstärkt sich der Verdacht, dass hier ein Speicher umgesetzt und zu einem Backhaus umgebaut wurde. Der Nachwelt wurde sogar das Jahr mitgeteilt. In der Klöndör (zweiflügelige Tür) befindet sich eingeritzt in einer Klaspe das Jahr „1862“ (Abb. 25).
Diese Jahreszahl kann aus folgenden Gründen als Datum der Umsetzung angenommen werden: Während drei Wände des Fachwerkspeichers beim Wiederaufbau gut als Backhaus zu nutzen waren, musste der hintere Giebel erneuert werden, um statt eines kleinteiligen Fachwerks, ein großes konstruktives Loch für den Backofen zu bekommen. Damit der Rauch beim Vorheizen des Ofens den Backraum verlassen kann, haben Backhäuser häufig zweiflügelige Türen. Die obere wird bei diesem Vorgang geöffnet. Im Gegensatz dazu haben Speicher in der Regel nur einflügelige Türblätter. Damit haben wir auch den Grund, warum die Speichertür nicht mitgenommen wurde, sondern eine neue Klöndör gebaut wurde. Das Baujahr der Tür steht hier also auch für die Errichtung des Backhauses.
In einem sehr seltenen Fall hatten wir Gelegenheit, den genauen Zeitpunkt des Umdeckens von einem Weichdach, wahrscheinlich Stroh, auf ein Pfannendach zu ermitteln. Das Vorwerk in Bassum wurde 1769 d unter großem Anteil eines Zweiständergerüstes von 1553 d als Viehstall errichtet. 1820 d kam die Erweiterung eines Pferdestalls hinzu. Die einzige inschriftliche Datierung in dem ganzen Gebäude steht auf einem rußgeschwärzten Zwischensparren. Die Zwischensparren wurden notwendig, um die großen Abstände zwischen den Sparren für die größere Dachlast der Dachpfannen zu überbrücken. Auf einem dieser Sparren, die bei dem früheren Strohdach als Latten gedient hatten, steht zu lesen: „H. Cordes 1880“ (Abb. 26). Hier hat sich der Dachdecker oder einer seiner Gehilfen verewigt.
Ähnlich ist die Inschrift zu bewerten, die bei dem oben beschriebenen Pfarrwitwenhaus in Kirchlinteln zu Tage kam. Das Flett wurde im frühen 20. Jahrhundert modernisiert und dabei wie üblich die Decke mit schmalen Nut- und Federbrettern verschalt. Einer der Handwerker schrieb vorher auf die gekalkte Decke mit Bleistift: „Diese Decke wurde am 3. 3. 1926 verschalt“ (Abb. 27).
Zusammenfassung
Zu allen Zeiten stand den Bauern und den Handwerkern der Sinn danach, nachfolgenden Generationen Auskunft darüber zu geben, wann ein Gebäude errichtet wurde, Gebäudeteile ausgetauscht oder einzelne Teile hinzugefügt wurden. Wie weit namentliche Inschriften und Baudaten auch, vielleicht ursprünglich sogar hauptsächlich, rechtlichen Charakter hatten, ist zur Zeit noch eine Forschungslücke. Für die Hausforschung sind diese Angaben, selbstverständlich auch die Datierungen durch die Dendrochronologie, unverzichtbar. Erst durch die eindeutige zeitliche Einordnung verschiedener Teile eines Hauses, ergibt sich eine nachvollziehbare Chronologie, aus der sich die Bau-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eines Gebäudes, ja manchmal eines ganzen Hofes, ablesen lässt.
Als letztes Beispiel möchte ich ein Niederdeutsches Hallenhaus beschreiben, bei dem sechs verschiedene Daten einen flüchtigen Betrachter in große Verwirrung bringen können, bei richtiger Einordnung wir aber eine fast 400jährige Geschichte wie ein offenes Buch vor uns haben. Eine dendrochronologische Untersuchung des Innengerüstes brachte im Wesentlichen zwei Daten zu Tage. Für die Diele und das Flett können wir 1637 d annehmen. Das Bauernhaus wurde also im 30jährigen Krieg errichtet. Die Dendro-Daten laufen aber nicht alle genau auf 1637 d, sondern beginnen bei einigen Bauteilen bei 1599 d, einige laufen auf 1627 d, die Mehrheit jedoch auf 1637 d. Darüber hinaus stammen die Datierungen aus unterschiedlichen Standardkurven: Weserbergland, Deister und Verden. Daraus müssen wir den Schluss ziehen, dass der Zimmermann, bedingt durch den anhaltenden Krieg große Schwierigkeiten hatte, das Holz zu beschaffen und sowohl auf ältere, bereits bis zu 30 Jahren vorher gefällte Bäume zurückgriff, als auch Holz aus unterschiedlichen Herkunftsgebieten verwendete.
Das Bauernhaus war 1637 d noch in traditioneller Weise mit umlaufender Kübbung errichtet worden. Zuerst wurde die Vorderkübbung entfernt und durch einen Wirtschaftsgiebel ersetzt, der mit „1717“ i datiert ist. Danach wurde 1737 d die Hinterkübbung entfernt und ein neues Kammerfach mit hohem Giebel angefügt. Die Kieselsteinpflasterung auf dem Flett ist mit „1779“ i angegeben. Im nächsten Schritt wurde das Haus etwas verbreitert und höhere Traufwände eingezogen. Der Türsturz der linken Fletttür verrät auch dieses Datum: „ANNO 1788“ (Abb. 28). In den Jahren 2001 - 2002 - haben die heutigen Eigentümer das Gebäude umfassend restauriert und im rechten Türsturz auch dieses für die Nachwelt dokumentiert: „ANTJE UND PETER HEILEN – 1637/2002“ (Abb. 29).
Abb. 1: Das Haus Martfeld No. 2 hat keinerlei Inschriften oder Jahreszahlen - Es war das Haus des Vogts und gehörte dem Grundherren.
Foto: B. Kunze
Abb. 2: Keinen Platz für Inschriften gab es aussen an Häusern mit umlaufender Kübbung. Die Datierung wurde in Luchtriegel oder Flettknaggen geschnitzt.
Zeichnung: Engelke
Abb. 3: Datierung im Luchtbalken.
Foto: B. Kunze
Abb. 4: Datierung in der Flettknagge
Foto: B. Kunze
Abb. 5 und 6: Weil in diesem Speicher außen kein Holz sichtbar war, wurde die Jahreszahl in den ersten Deckenbalken geschnitzt.
Fotos: B. Kunze
Abb. 7: Eines der ältesten Backhäuser unserer Region ist im Türriegel mit der Zahl 1607 datiert.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 8: Das älteste Gebäude mit Baudatum, Erbauer und biblischem Spruch ist die „Alte Schmiede“ in Bücken von 1621.
Zeichnung: H. Riepshoff
Abb. 9: In der ersten Hälfte des 19. Jh. war es Standard, den Giebelbalken mit einem Spruch und den Torbalken mit Baudatum und Namen der Erbauer zu verzieren.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 10: Das kleine schlichte Haus eines Häuslings verrät uns im Türsturz nur die Namen der Besitzer und das Baudatum 1880. Die Bewohner selbst bleiben anonym.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 12: Warum hat dieses Haus in Bramstedt im Wirtschaftsgiebel die Namen der Erbauer aber am Kammerfachgiebel das Baudatum 1826?
Foto: H. Riepshoff
Abb. 13: Baudatum 1845 über der Seitentür eines Hauses in Uenzen.
Foto: B. Kunze
Abb. 14: Die Langlebigkeit von Lehm lässt sich auch an einer Inschrift von 1669 ablesen.
Foto: B. Kunze
Abb. 15 und 16: Eine Scheune in Schwarme hat zwei Baudaten. Im Torbogen finden wir die Jahreszahl 1803 als Fertigstellung des Fachwerks und in einem Lehmfach auf der Innenseite die Jahreszahl 1804, die Fertigstellung der Lehmgefache.
Fotos: B. Kunze
Abb. 17: Einer der ältesten Backsteingiebel der Region ist mit dem Baudatum 1827 in einer Sandsteinplatte datiert.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 18: Ab Mitte des 19. Jh. setzen sich in Backsteinhäusern zwei Schriftsteine durch. Der obere mit dem Namen der Erbauer und der untere, Schlussstein im Entlastungsbogen, mit dem Baudatum.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 19: Ein Kalksandstein verrät das Baudatum in der Türlaibung eines Stallanbaus: 1877.
Foto: B. Kunze
Abb. 20: Aus Backsteinen lassen sich auch Inschriften und Jahreszahlen gestalten. Hier zeigt eine Scheune weit sichtbar das Baudatum 1935 und den Erbauer.
Foto: B. Kunze
Abb. 21: Mit den Backsteinbauten des 19. Jh. kamen auch die Maueranker zu uns. Hier sind sie der einzigste Schmuck am Haus.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 22: Ziegelsteine mit Jahreszahlen sind versteckte Datierungen, die nur beim Ausbau zu Tage treten.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 23: In vielen Bauernhäusern an Weser und Aller sind bis heute die wunderschönen Kieselsteinpflasterungen erhalten geblieben. In zwei Feldern dieses Hauses steht die Jahreszahl 1819.
Foto: H. riepshoff
Abb. 24: Wie wichtig die Herdstelle eines Bauernhauses war, wird auch durch sehr aufwändig geschnitzte Herdrähme deutlich. Dieses ist mit der Jahreszahl 1704 datiert.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 25: Hinter dem Datum 1862 auf der Klaspe einer Backhaustür verbirgt sich das Umbaudatum eines Speichers zu einem Backhaus.
Foto: B. Kunze
Abb. 26: Im Jahre 1880 hat ein Dachdecker H. Cordes dieses Dach von Stroh auf Dachziegel umgedeckt.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 27: Anfang des 20. Jh. begann das Verschalen von Balkendecken. Als vor wenigen Monaten die Verschalung abgenommen wurde, kam das Datum 3.3.1926 zu Tage.
Foto: H. Riepshoff
Abb. 28 und 29: Das Haus unserer Mitglieder Antje und Peter Heilen hat viele Daten. Eine Seitentür gibt 1788 an, die andere 1637, das Dendrodatum des Innengerüstes, und 2002 das Datum der umfassenden Restaurierung.
Fotos: B. Kunze