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Volker Gläntzer
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Hannover

Ein spätmittelalterliches Hallenhaus
im Artland

In der Artländer Bauernschaft Wehdel (Gemeinde Badbergen, Landkreis Osnabrück) wurde im August dieses Jahres ein Hallenhaus aus dem späten Mittelalter entdeckt. Es liegt jenseits eines Baches gegenüber der ehemaligen Hofstelle der „Wehlburg“, die in den 1970er Jahren ins Museumsdorf Cloppenburg transloziert wurde, und diente über Jahrhunderte als Leibzucht bzw. Heuerhaus zu diesem Hof.

Im Zusammenhang mit einer geplanten Baumaßnahme und dank der Aufmerksamkeit von Elisabeth Sieve von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises geriet es (nach der Denkmalinventarisation 1975) wieder in den Blick der Hausforschung. Es ist dem großzügigen Entgegenkommen von Robert Wehlburg, dem Eigentümer, zu verdanken, dass es nun genauer unter die Lupe genommen werden konnte.

Im Auftrage des Landesamtes für Denkmalpflege führte Erhard Preßler eine erste dendrochronologische Datierung der Bauhölzer durch und fertigte ein genaues Bauaufmaß an. Es stellte sich heraus, dass das Kerngerüst von Diele und Flett im Jahr 1480 errichtet und 1560 wohl um ein Dielengebinde verlängert wurde. Damit handelt es sich um das älteste bekannte ländliche Hausgerüst, das in diesem Umfang und in dieser Ursprünglichkeit und Aussagefähigkeit in Niederdeutschland vorhanden ist.

Dieses Ergebnis war Anlass, norddeutsche Hausforscher aus Denkmalbehörden und Museen, aus freien Büros und vom Monumentendienst, von der Interessengemeinschaft Bauernhaus und vom Niedersächsischen Heimatbund zu einem Kolloquium zusammenzurufen. Sie diskutierten am 26. September 2006 vor Ort die ersten Befunde, die Fragen, die sich daraus ergeben, und die nächsten Wege, um sie zu beantworten. Hier seien vorerst nur die wichtigsten Punkte genannt:

Der spätmittelalterliche Kernbau aus drei Dielenfachen und Flett (mit einer Vorder- und vermutlich einer Hinterkübbung) besitzt ein voll ausgebildetes Zweiständer-Innengerüst im gebundenen System, z. T. mit innovativen Merkmalen. Die Ständer sind durch ein kräftiges Unterrähm miteinander verbunden, auf dem – durch Dollen fixiert – die Dachbalken ohne Überstand liegen. In annähernd dreieckigen Vertiefungen an ihren Enden fußten die Sparrenpaare. Zwar waren wesentliche konstruktive Neuerungen – der Dachbalkenüberstand noch im 16. Jahrhundert und die Einführung einer Sparrenschwelle wohl ab dem 17. Jahrhundert – bei diesem Haus noch nicht verwirklicht. Aber die Verkämmung von Balken und Rähm – allenthalben sonst noch üblich in dieser Zeit – ist bereits durch die Verdollung abgelöst.

Die Queraussteifung erfolgte durch gekehlte Kopfbänder, die Längsaussteifung im Dielenbereich durch gabelförmige Ständerköpfe, im Flettbereich durch kräftige gekehlte Kopfbänder. Die Hillenriegel waren in die Ständer eingezapft, jedoch – wie auf der linken Seite noch erkennbar – nicht mit Holznägeln fixiert. Auch andere Riegel, z.B. in der Herdwand, waren nicht vernagelt.

Innovativ ist vor allem die Flett-/Luchtkonstruktion. Das – im Verhältnis zu den Dielenfachen tiefere – Flettfach wird vom Rähm mit seinem dickeren Ende frei überspannt. Es trägt in Flettmitte zwar einen Zwischen-Dachbalken, zu dem jedoch kein Ständerpaar gehört. Der zusätzliche bauzeitliche, von gekehlten Knaggen gestützte Luchtriegel fängt demnach keinen Ständerstummel eines Zwischengebindes ab und diente deshalb nur als Auflager für eine Hillendecke. Erst so wurde die Lucht zu einem deutlich abgegrenzten, rauchfreien und damit wohnlicheren Raumteil des Fletts.

Diese Verbesserung der Wohnqualität war offenbar der Zweck der konstruktiven Neuerung, die hier erstmals in der Baugeschichte des Hallenhauses in Erscheinung tritt. Anderswo kommt der Luchtriegel erst einige Jahrzehnte später zum Einsatz. Die dann üblich gewordene Flettkonstruktion mit von Luchtriegeln abgefangenen Zwischenständern dürfte also erst entstanden sein, als das Flett immer tiefer wurde und die Last des Zwischenbalkens nicht mehr vom Fletträhm allein getragen werden konnte.

Vorläufig unklar bleibt unter anderem, ob bzw. in welchem Umfang dieser Ursprungsbau bereits Wohnräume hinter der Herdwand besessen hat. Für eine Hinterkübbung mit einer irgendwie gearteten Nutzung spricht die Tatsache, dass die originalen Ständer der Herdwand an der Rückseite keinerlei Verwitterungsspuren aufweisen.

Das jetzige Kammerfach ist in der gleichen Weise konstruiert wie das Flett, also mit freitragendem Rähm und Zwischendachbalken sowie mit knaggengstützten Unterzügen für eine tragfähige Decke. Trotzdem scheint es in seinen wesentlichen Teilen aber erst aus einer späteren Umbauphase zu stammen. Darauf weist ein Riegel in der Herdwand hin, der erkennbar nachträglich eingefügt wurde und in den der Sturz einer rundbogigen Tür eingearbeitet ist. Auch die Hauptständer des Kammerfachgiebels gehören in diese Zeit und konnten dendrochronologisch auf das Jahr 1625 datiert werden. Die Befunde markieren damit den Wechsel von einer Hinterkübbung hin zu einem voll ausgebildeten Kammerfach.

Es besaß wahrscheinlich einen breiten mittleren Raum, in den die besagte rundbogige Tür führte, und zwei seitliche, in den Kübbungen liegende Kammern oder Durke; über diesen Räumen lag der Kornboden. Als Wandfüllung kommt zumindest in Teilen eine Verbohlung in Betracht. Sie ist für einen Teil der Herdwand und auch für die rechte Dielenkübbung zumindest in den drei Fachen vor der Lucht durch entsprechende präzise Nuten und einer Vernagelung in den Hillriegeln nachzuweisen. Über eine Beheizung des Kammerfachs gibt es noch keine sicheren Erkenntnisse.

Solche und andere Fragen, etwa in Bezug auf eine eventuelle Versetzung bzw. auf Umbauten des 17. bis 19. Jahrhunderts müssen noch geklärt werden. Die Ergebnisse weiterer dendrochronologischer Untersuchungen durch Erhard Preßler stehen noch aus. Die archäologische Denkmalpflege des Landkreises Osnabrück untersucht derzeit, ob sich durch Bodenfunde und -befunde Aussagen zu einem eventuellen Vorgängerbau, zur Lage früherer Außen- bzw. Zwischenwände sowie zur Lage und Gestaltung der Feuerstelle und der Tiefställe treffen lassen. Notwendig ist die Verknüpfung mit den Aussagen einer umfangreichen archivalischen Überlieferung, die ebenfalls bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht.

Erst dann wird man das Haus in seine bau-, wirtschafts- und sozialhistorischen Zusammenhänge genauer einordnen können. Zunächst wird es um die Rolle gehen, die das Haus in der Hofgeschichte der Wehlburg spielte. Manches spricht schon jetzt für folgende Entwicklung: Das Haus von 1480 wird das erste „Bauernhaus“ nach dem Verkauf der adligen Burgstelle und ihrer Umwandlung in einen bäuerlichen Erbkotten gewesen sein. Es wurde 1560 den gestiegenen wirtschaftlichen und wohnkulturellen Bedürfnissen angepasst, aber schließlich, nach der in unmittelbarer Nähe erfolgten Errichtung bzw. Erneuerung eines repräsentativeren Gebäudes am Ende des 30jährigen Krieges als Altenteiler genutzt bzw. verheuert. Diesem Gebäude widerfuhr das gleiche Schicksal nach dem Bau des letzten Hofgebäudes der Wehlburg ab 1750.

Darüber hinaus bietet die Entdeckung dieses Hauses aber auch die Möglichkeit, die immer noch im Dunkel liegende Frühgeschichte des Hallenhauses genauer auszuleuchten. Im eigentlichen Artland und seiner engeren Nachbarschaft galt bis vor gut 10 Jahren noch das inschriftlich 1584 datierte Erbwohnhaus des Markkötters Kleine Wollermann in Grönloh als das älteste Haus. Dank verschiedener dendrochronologischer und bauhistorischer Untersuchungen (überwiegend von Erhard Preßler) ist inzwischen auch hier eine Reihe älterer Häuser bekanntgeworden, die manche Entwicklungszüge in dieser so wichtigen Zeit des Umbruchs vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit erkennen lassen.

So besitzt das Haupthaus des Hofes Kohne in Kettenkamp Bauteile sogar aus dem Jahr 1453 (d). Das Haupthaus des Hofes Klus, das ursprünglich aus Dalvers stammt und jetzt im Heimatmuseum Haselünne steht, besitzt ein Kerngerüst von 1504 (d). Besonders aufschlussreich ist das Haus Voßhamm aus Nortrup von 1540 (d), das in den 1970er Jahren abgebaut und im Museumsdorf Cloppenburg eingelagert wurde. Zeitlich relativ dicht folgen dann das Haupthaus des Hofes Buse aus Tütingen von 1558 (d), das Haupthaus des Hofes Gieske (ehem. Thumann) von 1563 (d) in Lechterke-Wohld und das zum Stift Börstel versetzte Haupthaus des Hofes Meyer zu Menslage von 1570 (d).

Aus der weiteren Umgebung gehören in diesen Zusammenhang die von Dietrich Maschmeyer entdeckten Häuser Smoes von 1458 (d) in Frensdorf bei Nordhorn und Roling von 1515 (d) aus Bimolten bei Nordhorn oder das von Erhard Preßler entdeckte Haupthaus des ursprünglichen Hofes Wallage von 1519 (d) in Gersten/Emsland. Ganz so einsam in der Entwicklungsgeschichte steht nun auch das von Frank van der Waard entdeckte Haus mit einem Flettgerüst von 1386 (d) in Anderen (Prov. Drenthe) nicht mehr da. Jüngst ist hier auch ein Hausgefüge aus dem Nachbarort Annen hinzugekommen, das um 1408 (d) datiert werden konnte.

Die Weiteruntersuchung des Wehdeler Hauses, der genaue Vergleich mit den übrigen Befunden und die aussichtsreich erscheinende Suche nach weiteren frühen Beispielen wird also die nächste Aufgabe der norddeutschen Hausforscher sein müssen. Die Hoffnung besteht, die Frühgeschichte des Hallenhauses weiter zu klären und die These vom „vollendeten Anfang“ im Mittelalter zu überprüfen.

Giebelansicht
Foto: B. Kunze

Grundriß
Zeichnung: Erhard Preßler

Längsschnitt 1625
Zeichnung: Erhard Preßler

Längsschnitt 2006
Zeichnung: Erhard Preßler

ursprünglicher Querschnitt
Zeichnung: Erhard Preßler

Querschnitt der Herdwand
Zeichnung: Erhard Preßler

Norddeutsche Hausforscher diskutierten am 26. September 2006 vor Ort die ersten Befunde.
Foto: B. Kunze

Die Herdwand
Foto: B. Kunze

linke Ständerreihe mit Gabelständern
Foto: B. Kunze

Kopfbänder der rechten Ständerreihe
Foto: B. Kunze

verlängertes Rähm
Foto: B. Kunze

Gabelständer
Foto: B. Kunze

rechte Ständerreihe
Foto: B. Kunze

Wirtschaftsgiebel und Traufseite im Jahr 2006
Foto: B. Kunze

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